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Reviews: Das erstaunliche Leben des Walter Mitty, Carrie, Machete Kills (Review)

15. 1. 2014, Batzman (Oliver Lysiak), 9 Kommentare

Das merkwürdige Leben des Walter Mitty (The secret Life of Walter Mitty) – USA 2013

Ach Ben. Wie gerne würde ich auch diesen Film von dir mögen, denn Zoolander und Tropic Thunder waren je wirklich gelungen und landen regelmäßig bei mir wieder im Player. Und du bist einfach gnadenlos sympathisch, selbst in mittelprächtigen Komödien fällt es schwer dich nicht zu mögen.

Aber Walter Mitty ist leider trotzdem großer Mist. Ein ärgerlicher Film, der nach höherem greift, wichtige Wahrheiten erzählen möchte und letztlich sein Publikum doch wieder und wieder für debile Vollidioten zu halten scheint. Mit der Kurzgeschichte hat er wie schon die Erstverfilmung eher am Rande zu tun, was nicht das Hauptproblem ist. Eine literarische Fingerübung die so kurz ist, muß ein Filmemacher ausbauen, wenn er damit einen Film füllen will. Das Problem ist hier nur das wie und was er damit sagen möchte.

Stiller möchte anscheinend etwas über das Leben, denn Alltag, die Unfähigkeit mit anderen zu kommunizieren, die Wichtigkeit des Normalen, über Abenteuer und die rasende Entwicklung der Moderne und natürlich die Liebe erzählen. Und er hat dabei Angst, dass es irgendjemand im Kino geben könnte, der seine Message nicht mitbekommt und deswegen behandelt er alle Zuschauer wie „Full Retards“ denen er auch die simpelsten Dinge ausbuchstabiert.

Mitty arbeitet natürlich im „LIFE“-Magazin, damit wir auch kapieren worum es geht. Und natürlich ist alles digitale Böse und alles analoge gut. Natürlich arbeitet der beste Fotograf der Welt noch auf klassischem Film und natürlich ist der neue Boss der das Magazin ins Online-Zeitalter führen soll ein Yuppie-Wichser mit diabolischem Schmierlappen-Bart.

Und Mitty ist eine brave Arbeitsdrohne der im Bildarchiv vor sich hinwerkelt und sozial so gestört ist, dass er sicht nichtmal online traut seine Traumfrau anzustupsen. Statt dessen hat er den engagiertesten Online-Betreuer der Welt der ihm hilft sein EHarmony-Profil zu pimpen, während er sich wieder und wieder in Tagträume flüchtet die Aussehen wie generische Actionszenen aus irgendeinem Film, anstatt wie Tagträume die irgendwas mit seinem tatsächlichen Leben zu tun haben.

Erst die Suche nach dem verschollenen Titelcover der letzten gedruckten Life-Ausgabe bringt Mitty dazu aus dem Alltagstrott auszubrechen und echte Abenteuer zu erleben. Und da er als Bildarchivar anscheinend über unbegrenzte finanzielle Ressourcen verfügt, jettet er um die Welt, besteigt Berge, schwimmt mit Haien, skatet Vulkane hinab und überzeugt afghanische Warlords davon, dass Amerikanischer Apfelkuchen das absolut geilste auf der Welt ist. Überhaupt findet jeder Amerika geil und jedes Land sieht so aus, wie es die Touristikbehörde der Region es gerne in Image-Spots inszeniert. Imposant, glossy und überall 1A-Handy-Empfang.

Und natürlich fühlt er sich überall zuhause, weil alle Geschäfte die Mitty kennt, erwarten ihn schon. Papa Johns, Cinnabon, EHarmony, McDonalds (I’m lovin it!), KFCs usw. Stiller verdammt zwar alles moderne und glorifiziert selbst alte Spielzeuge wie Stretch Armstrong, macht den Film aber gleichzeitig zu einem überlangen Werbesport für alle möglichen Marken, OnlineServices (Carreerbuilder) und Fernreisen.

Viel zu sagen hat er letztlich allerdings nicht. Einerseits promoted er eine „Geh mal raus spielen und sitz nicht immer nur am Rechner“-Haltung, andererseits will er das kleine, normale, scheinbar unbedeutende Leben als wichtig und bedeutsam stilisieren. Dabei schießt er sich aber selbst ins Knie, denn letztlich wird Mittys Leben nicht durch seine jahrzehntelange Tätigkeit im Archiv wirklich aufregend sondern weil er abstruse Jetsetter-Abenteuer rund um den Erdball erlebt.

Stiller ist ein guter Schauspieler und auch der Rest der Besetzung und Crew haben was drauf. Technisch ist der Film kompetent gemacht, aber er bleibt einfach ärgerlich, weil er nichts zu sagen hat und das was er sagt mit gewichtigem Habitus so ausbuchstabiert, dass es der dümmste kapieren soll. Ein plakatives Lied wie „Space Oddity (Mayor Tom)“ reicht nicht aus, es muß auch noch von der gänzlich unterforderten Kristen Wigg erklärt werden. Und wenn das noch nicht reicht kommt auch noch Schrift ins Bild, damit bloß jeder merkt wie es gemeint ist.

Am Ende bleibt Geblubber und Malen-nach-Zahlen-Philosophie für ein Publikum, dem Glückskekse zu komplex sind und eine Menge schöner Bilder ohne Substanz.

Kann ich jetzt bitte nochmal Blue Steel sehen?

Carrie – USA 2013

Es ist nicht so, dass Carrie ein wahnsinnig schlechter Film wäre. Er ist nur leider auch kein wahnsinnig guter. Was nicht an der Besetzung liegt die sich redlich müht den Rollen Leben einzuhauchen. Chloe Moretz ist talentiert und auch hier sehr sehenswert, aber gerade im letzten Akt verrät sie der Film und macht aus einem überforderten, gemobbten Mädchen das neben Schulhorror und religiöser Psychomom auch noch mit telekinetischen Kräften geschlagen ist, eine berechnende, mörderische Psychopathin für die es schwer fällt Sympathien zu behalten.

Kimberly Pierce Regie pendelt viel zu oft zwischen bloßem Nachäffen von De Palmas Werk und ungelenker Distanzierung ohne dabei eine eigene, zeitgemäße Stimme zu finden. In Zeiten von Cybermobbing und Schulamokläufen fällt ihr und ihren Autoren wenig neues ein, ja teilweise wirken die Handies und Computer in der Story fast anachronistisch – so wenig aktuell und real wirkt das Setting dieser neuen Carrie.

Julian Moore ist eine gute Schauspielerin, aber ihr fehlt die brennende, manische Präsenz einer Pieper Laurie und Moretz Carrie hat viel zu schnell eine feingetunte Kontrolle über ihre Kräfte, die ihr Handeln weniger als Kurzschluss-Reaktion, denn als das sadistische Ausleben von Gewalt- und Machtphantasien wirken lassen. Wo Spaceks Carrie immer als neurotisches Opfer der Umstände dargestellt wurde, die selbst in der Schlüsselszene von ihrer eigenen Zerstörungswut überrascht wird ist die neue Carrie brutal, eiskalt und kostet die Gewalt und die Morde sichtlich aus. Das könnte ein Ansatz für eine neue Charakterisierung sein, wenn sich Pierce nicht ständig wieder auf die zitternde, hilflose, überforderte Carrie zurückziehen würde und gerade in der letzten Konfrontation mit der Mutter wieder sehr eng an De Palmas Version kleben würde.

Der ihr leider visuell an jeder Stelle überlegen ist, angefangen von der träumerischen quasi Softsex-Duschszene über die Split-Screen-Zerstörungsorgie bis zum finalen surrealen Schockmoment. Wo De Palma die Leinwand füllte scheint Pierce einen Film zu inszenieren der für Tablets oder Handyscreens gemacht wurde und große Bilder und optische Einfälle zugunsten einer soliden, aber auch furchtbar langweiligen TV-Film-Optik aufgibt.

Ein Totalausfall ist er schon alleine der Besetzung wegen nicht, aber im Grunde doch herzlich überflüssig – was in ähnlicher Weise schon für Let me in galt. Ebenfalls ein Remake eines besseren Films, dessen Ambition spürbar war, aber trotz guter Cast nicht eingelöst werden konnte.

Machete Kills – USA 2013

Rodriguez ist immer noch zu sehr brav und warmherziger Familienmensch, als dass er so durchgedreht, düster und sleazy wie „Hobo with a shotgun“ oder „Fathers Day“ würde, wenn er (M)Exploitation dreht. Was nicht heißt, dass Machetes zweiter Auftritt keinen Spaß macht. Als Fan der alten Roger Moore-Bonds mit ihrem over-the-top-Charme, Lasern, Haien und Weltraumszenen bietet Machete Kills eine Menge spaßige Momente und abgefahrene Ideen. Das er dir Story immer noch eher aus mexikanischer, als US-amerikanischer Sicht erzählt, reiht ihn zudem effektiv in die Nachfolge von Shaft, Cleopatra Jones und Superfly. Das die Tricks mittlerweile noch cheaper und digitaler Aussehen als im Vorgänger und Danny Trejo immer noch so elegant kämpft wie ein schwäbisches Bergbauern-Regal ist im Kontext der Story genauso verzeihlich, wie die platten Charlie Sheen Gags, die in einem Funny or Die Video besser aufgehoben wären. Klar ist auch: Der Film hat einige Längen und müsste nicht über 100 Minuten gehen, aber was solls – ich hab mich amüsiert und würde mir ganz sicher auch den dritten Teil ansehen – falls er denn je gedreht wird.

  • Gloria 15. 1. 2014 an 22:10

    Moin Batzman, coole Sache (und Premiere bzw. Megaausnahme): 3 Rezensionen von Dir, und allen dreien kann ich ohne Umschweife zustimmen. Wie angenehm, danke dafür! :-)

  • pauliborn 16. 1. 2014 an 1:45

    hab nur Machete Kills gesehen und ich würd dem noch nen Stern mehr geben. Den Bonusstern als mexikanischer Staatsbürger abgezogen, liegen wir dann aber gleich auf ;)

    Hoffe das Lust und Laune bei den durchwachsenen Kritiken sie nicht abhält den (potentiellen) dritten Film zu drehen. Bin gespannt…

    • pauliborn 16. 1. 2014 an 1:46

      ”¦abhalten”¦ sorry

  • robgordon 16. 1. 2014 an 15:23

    Ich kann die inhaltliche Kritik an Walter Mitty verstehen, wenn man denn einen bedeutungsschwangeren Film erwartet. Aber nach Sichtung der Trailer war mir vom ersten Augenblick bewusst, welche Art Streifen da kommt: Eine kleine Geschichte, nennen wir sie „Märchen“, die optisch und klanglich schön in Szene gesetzt wird. Die Skateboardszene oder das Fußballspiel sind für micht unfassbar schöne Momente, wie ich sie seit langem nicht mehr im Kino erlebt habe. Score und Soundtrack harmonieren perfekt mit dem Bildern, für mich ein (optisches) und inhalltich nicht zu überfrachtetes Highlight. Eine Holzhammerphilosophie konnte und wollte ich nicht erkennen. Machete Kills dagegen ist eine filmische Unverschämtheit.

    • MRJ 16. 1. 2014 an 15:32

      Super, sehe ich genau so! Mitty war top-unterhaltsam – Machete Kills ist bodenlos und sage ich als Fan des ersten und Trashliebhaber…

  • Binding 19. 1. 2014 an 17:55

    Allein für die Titelsequenz, die Longboard-Fahrt, die Grönland-Karaoke-Szene und die nachfolgende „Space Oddity“-Sequenz lohnt sich „Mitty“ bereits! Letztere ist mit das Schönste, was ich seit langem im Kino gesehen habe.

    „Machete kills“ muss man auch schon allein wegen des Running-Gags mit den Hubschrauber-Rotorblättern mögen. Aber im Vergleich mit Teil 1, der eigentlich ein subversiv-politischer Arthouse-Film im Trash-Mantel war, fehlte diese Dimension im Sequel leider völlig. Daher: enttäuschend.

  • Lars 21. 1. 2014 an 14:52

    Ich kann die Kritik an Mitty nicht so ganz nachvollziehen. Stiller möchte mit dem Film sicher sagen „”¦ sei kein Träumer, mach was aus deinem Leben“. Das zwar etwas zu plakativ und mainstreamig, aber sehr sympatisch und nett. Dabei habe ich den Film auch eher als Märchen verstanden, bei (teilweise zu) viel mit Symbolen arbeitet. Für mich im ganzen ein toller, kleiner, großer Film.

  • Dave 22. 1. 2014 an 14:56

    „Das die Tricks mittlerweile noch cheaper und digitaler Aussehen […] ist im Kontext der Story genauso
    verzeihlich“

    DASS bitte. Nur weil sich die Stellung ändert, ändert sich das Wort nicht.

  • Tina-Maria Lenz 26. 1. 2014 an 13:55

    Das ist ohne Zweifel der beste Stiller Film den ich bis jetzt gesehen habe. Viel mehr möchte ich dazu jetzt nicht schreiben will denen die ihn noch nicht gesehen haben nichts vorweg nehmen. Lohnt sich aber sich dieses Meisterwerk anzusehen !

  • Zoolander 73 Questions - Die Fünf Filmfreunde 8. 2. 2016 an 19:23

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