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R.I.P. HR Giger

13. 5. 2014, Mal Sehen (Malcolm Bunge), 3 Kommentare

Wer heute auch nur eine Minute im Netz verbracht hat, wird wahrscheinlich nicht um die Nachricht gekommen sein, dass H.R. Giger mit 74 Jahren gestorben ist. Für mich, wie auch bestimmt eine Menge anderer Menschen, ist nicht nur der Erfinder der Aliens gestorben. HR Giger hat meine Jugend und das frühe Erwachsenenleben so geprägt, wie sonst kein Prominenter vor oder nach ihm. Der Einfluss des Künstlers wirkt stellenweise bis heute nach.

Ich kam zum ersten Mal mit 14 Jahren in Kontakt mit den Bildern des Schweizers. Beim gelangweilten Durchblättern eines Kunstbuchs bin ich an „Li“ und „Landscape“ kleben geblieben. Ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich an das Gefühl denke, das mich für über 20 Jahren überwältigt hatte. Giger berührte etwas in mir, das ich bis dahin nicht kannte und das mich für mehr als die nächsten zehn Jahre begleiten sollte. Ich sammelte anfangs heimlich jeden Schnipsel, weil meine Mutter ob meiner jugendlichen Melanchonie schon besorgt genug war. Da musste sie nicht auch noch für meine Begeisterung für einen Künstler wissen, der Morbidität schon von seiner Kindheit an lebte.

Hans Rudolf Giger wurde am 5. Februar 1940 in Chur geboren und der Legende nach zog er sich ausschließlich schwarze Kleidung an, sobald er sich selber anziehen durfte. Giger war schon als Kind seltsam: Eines seiner ältestens Skizzen, die mir im Gedächtnis geblieben sind, war ein Kind, das unter einem Schaukelpferd lag und mit dem Gesicht ziemlich genau auf der Höhe lag, wo Schaukelpferde ihre Schaukelpimmel haben. Diese Seltsamkeit des Künstlers ließ auch später nicht nach, als er mit Mädchen in Kontakt kommen wollte. Weil es auf die herkömmliche Art nicht so einfach war, baute Giger kurzerhand eine eigene „Geisterbahn“, in die er Mädchen einlud, um ihnen so nahe zu kommen.

Leider war Giger auch später nicht mit Frauen-Glück gesegnet. Seine große Liebe, die Schauspielerin Li Tobler, nahm sich 1975 das Leben. Diese Zeit nutzte Giger, um sich in seine Arbeit zu stürzen. Kurze Zeit später lernte Giger Salvador Dalì kennen und lernte so den Regiesseur Alejandro Jodorowsky kennen, der ursprünglich für den Film „Dune“ Regie führen sollte. HR Giger sollte die Welt der Harkonnen gestalten, aber die Umstände änderten sich und es kam leider nicht dazu, dass David Lynch mit HR Giger zusammenarbeitete. Dass Giger trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, ist wohl mehr als offensichtlich.

Den meisten Menschen wird Giger für seine oscarprämierte Arbeit an Ridley Scotts Alien in Erinnerung bleiben. Dabei hat er so viel mehr hinterlassen. Abgesehen von seinen Ausflügen in die Filmwelt (u.a. Poltergeist 2, Prometheus, Species, Kondom des Grauens) und seinen Gemälden, entwarf Giger Möbel, mehrere Museen, Bars und hat mit diversen Plattencovern Geschichte geschrieben.

Gestern, am 12. Mai, ist Hans Ruedi Giger den Verletzungen erlegen, den er sich bei einem schweren Sturz zugezogen hat.
Ich bin sehr traurig deswegen, obwohl ich mit Fankult nicht viel anfangen kann. Giger hat mich sehr geprägt und auch wenn ich in den letzten Jahren aus der jugendlichen Melanchonie gewachsen bin, die Giger vielleicht genährt, ganz sicher aber erträglich gemacht hat, hinterlässt er ein Loch. Es ist komisch in mein Bücherregal zu schauen und diverse alte HR Giger Posterbücher, Skizzenbücher und die alte Box mit Zeitungsschnipsel zu sehen, die ich seit dem Umzug nach Berlin nicht ein einziges Mal in die Hände genommen habe.

Vielleicht wäre es mal wieder an der Zeit sie wenigstens ein wenig abzustauben und aufrecht hinzustellen. Reinschauen möchte ich heute lieber nicht.

  • der alte sack 14. 5. 2014 an 7:22

    Hallo, danke für den tollen Nachruf. Giger mag von seinem Stil her sehr umstritten sein, aber es ist einfach nicht abzustreiten, das seine Arbeit alle Kinder der 80iger ( wer hat damals nicht die Alien-Filme im Kino genossen ) geprägt hat. Ein weiterer großer Kopf ist gegangen. SEmper Fi Giger…..

  • resur@ction 14. 5. 2014 an 8:11

    Lieber Malcolm,

    das hast du gut gemacht. Danke.

  • Fluffy Bunny 14. 5. 2014 an 9:22

    Als Kind habe ich mit meinem Vater regelmässig Nachts heimlich Filme geschaut, das hat mich wohl zu dem Nerd gemacht der ich Heute bin… Sein Lieblingsgenre, welches dann auch meines wurde, war Sci-Fi. Wenn meine Mutter (endlich) ins Bett gegangen war kam er in mein Zimmer, weckte mich und wir schauten Filme. Bis Heute brauche ich nicht sonderlich viel Schlaf…

    Alien habe ich in einer derartigen Sitzung gesehen in der deutschen TV Erstausstrahlung und er wurde sofort zu meinem ersten offiziellen Lieblingsfilm! Und er ist es bis Heute noch… Ich habe mich oft mit Giger befasst, er begleitete mich durch mein Kunst- und Filmwissenschaften-Studium, ich habe Essay über Essay über seine Metaebene verfasst (bis einer halbwegs perfekt war) ich habe so zielich alle Bücher, alle Postkartenbücher und verdammt viele (!) Alien Spielfiguren zusammengesammelt, einen Trip ins Giger-Museum hab ich damals auch gemacht (er war nicht da) dafür traf ich ihn eines Tages einfach so in Basel (er war ihm offenbar unangenehm auf der Straße erkannt und angesprochen zu werden) aber er war doch sehr freundlich…

    Es klingt abgeschmackt, aber er wird mir fehlen! Gerade auch wegen seiner Verschrobenheit und seiner Einmaligkeit! So etwas wie ihn wird und kann es nicht mehr geben!
    Scheiße nochmal, er hätte ruhig ein bisschen älter werden können!!!

  • Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (19-05-14) 19. 5. 2014 an 22:13

    […] sein Tod eine wahre Lawine an Kommentaren aus, in den Blogs blieb es aber auch hier seltsam ruhig. Den einzigen längeren Nachruf habe ich bei den Fünf Filmfreunde […]