Review

Das Schicksal ist ein mieser Verräter (Review)

13. 6. 2014, Batzman (Oliver Lysiak), 7 Kommentare
<strong>Originaltitel: The Fault in our stars - USA 2014<br>Regie: Josh Boone<br>Buch: Scott Neustaedter & Michael H. Weber<br>Shailene Woodley, Ansel Elgort, Willem Dafoe, Laura Dern</strong>
  • Batzman
2

Summary

Ähnlich wie der erste Harry Potter-Film ein kalter, aseptischer Fanservice ohne Herz war und erst mit Alfonso Cuaron tatsächlich filmische Qualität in die Reihe Einzug hielt (weil er sich traute das Skript zu straffen und sich durch die Entfernung vom Text dem Geist der Vorlage visuelles Gewicht zu verleihen), fehlt es auch Josh Boone an Vision und Ambition, tatsächlich eine filmische Adaption zu erschaffen, die der Vorlage gerecht wird, statt sie nur nachzuäffen.

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Nach dem Trailer stand es ja fast zu befürchten, aber bis zuletzt hoffte ich, die Verfilmung des wirklich sehr guten John Green-Buches würde mich positiv überraschen. Doch was Josh Boone hier abliefert ist leider wirklich kaum ein Film, sondern nur in wenigen Momenten etwas anderes als Fanservice auf dem Niveau einer Schüler-AG die in der Videowoche ihr Lieblingsbuch bebildern. Wobei, ich glaube ich habe auf YouTube schon Tribute-Videos gesehen, die der Stimmung und dem Inhalt des Buches näher kamen, als diese extrem brave, unmutige und hochgeradig unfilmische Umsetzung des Bestsellers.

Fans werden natürlich Szene für Szene wiederfinden und auch die wichtigen Dialoge sind vorhanden. Doch was fehlt ist das Gewicht, die Reflektion und das eigentlich Herz des Buches. Shailene Woodley ist eine tolle Schauspielerin und sie spielt sich die Tränendrüsen wund, aber das ändert nichts daran, dass sie vom Typ her eine Fehlbesetzung ist. Hazel Grace ist hier kein sarkastischer Tomboy, kein Ellen-Page-Typ sondern ein Mädchen mit Witta Pohl-Ausstrahlung, die ungefähr zehn Jahre zu alt für die Rolle aussieht. Das die Kostümdesigner sich obendrein entschlossen haben sie in Klamotten zu stecken, die selbst Queen Mum als zu spießig und omahaft ablehnen würde, macht das ganze noch schlimmer. Wenn versucht wird einen Wow-Effekt beim Date zu erzeugen und ihre Mutter ihr ein Kleid rüberschiebt, das aussieht wie ein umgenähter Müllsack von Angela Lansbury, verpufft jede Romantik im Ansatz.

Doch immerhin: Woodley spielt gut, wenn auch neben dem Typ. Was man von Ansel Elgort als Augustus leider auch mit zwei zugedrückten Augen nicht behaupten kann. Weder ist er der charmanteste Typ, noch wirkt er intelligent genug um Augustus ironisch-verspielte Dialoge glaubwürdig zu vermitteln. Er ist ein Allerwelts-Jock, dem völlig die „junger Christian-Slater“-Attitüde abgeht, die ihn im Buch anziehend, gefährlich und undurchschaubar macht. Alles Elgorts Spiel wirkt angestrengt und schwankt zwischen selbstgefällig und ungelenk – sein Dauergrinsen das jede andere Regung verbirgt ist creepy und die Chemie zwischen ihm und Shailene hält sich in sehr engen Grenzen. Beide wirken nicht wie Teenager mit Krebsleiden sondern wie Schauspieler die angestrengt Teenager spielen. Doch es fehlt die Leichtigkeit, was schade ist, denn viele der direkt aus dem Buch übernommenen Dialoge sind nach wie vor sehr schön.

Da rettet es wenig, das Laura Dern als Mutter eine sehr solide Performance abgibt und in der Szene in der sie Hazel versichert auch nach deren Tod noch etwas zu tun zu haben, ist sie tatsächlich anrührend. Auch Willem Dafoe als abgefuckter Schriftsteller macht das beste aus seinen Szenen, die zweifelos zu den Highlights des Films gehören.

Doch das sind wenige Momente in einem Film der nie Risiken eingeht, stehts mit angehaltenem Atem und festen Blick auf die Fans versucht bloß nichts falsch zu machen und dabei in seiner eigenen Mutlosigkeit ersäuft. Die dramatischen Momente werden nicht verdient, egal wie sehr zielgruppenkompatibler Poprock versucht Tränen zu erzwingen. Wie mit dem Klemmbrett inszeniert Boone keine Charaktere, lässt nicht Entwicklung fühlbar werden, sondern hakt bloß Situationen ab. Keine wichtige Szene darf fehlen und deswegen wird durch die komplette Annäherung zwischen Hazel und Augustus durchgehetzt. Wir bekommen gesagt wie wir fühlen sollen, weil der Film keine Bilder findet um es uns spüren zu lassen.

The fault in our stars ist ein entsetzlich bilderloser Film. Boone hat keinerlei optische Ideen, findet nie eine Bildsprache um das Innenleben seiner Figuren, vor allem von Hazel, nachvollziehbar zu machen. Es wird runtergekurbelt wie ein Lifetime-TV-Movie of the week und ignoriert, dass genau Hazels Innenwelt das spannende am Buch ist. Die reine Handlungsebene ist banal, es ist die Entwicklung, das Selbstverständnis des Mädchens und ihre Beziehung zu dieser Krankheit die aus ihr selbst kommt und die Weigerung nur ein „Krebspatient“ zu sein, die „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ so lesenswert und faszinierend macht.

Diese Mehrdimensionalität, die Stimmungsschwankungen und Konflikte in Bezug auf sich selbst, Augustus und die Eltern fehlt dem Film. Er lässt nur fantasielos Sätze aufsagen und Szenen nachspielen, für alle jene Zuschauer die eh nur ein Companion-Piece zum Buch wollen, einen Fotoroman zur Phantasie.

Ähnlich wie der erste Harry Potter-Film ein kalter, aseptischer Fanservice ohne Herz war und erst mit Alfonso Cuaron tatsächlich filmische Qualität in die Reihe Einzug hielt (weil er sich traute das Skript zu straffen und sich durch die Entfernung vom Text dem Geist der Vorlage visuelles Gewicht zu verleihen), fehlt es auch Josh Boone an Vision und Ambition, tatsächlich eine filmische Adaption zu erschaffen, die der Vorlage gerecht wird, statt sie nur nachzuäffen.

Kameramann Ben Richardson der zuvor das Riesenschweine-Drama „Beasts of the Southern Wild“ ablichtete, macht reinen Dienst nach Vorschrift, als würde er eine Daily-Soap runterrocken. Nichtmal der verfrüht und unverdient leicht erreichte Trip nach Amsterdam hat irgendwelche magischen Momente zu bieten, obwohl es doch das entscheidende Erlebnis der beiden Hauptfiguren ist. Städte haben Charakter, gerade für diejenigen die fremd in ihnen sind. Das wußte Nicolas Roeg in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, das wußte auch Martin McDonagh als er „Brügge sehen und sterben…“ drehte oder Woody Allen in seinen New York-Filmen. Und Amsterdam ist eine Stadt mit Charakter, die gerade auf US-Amerikaner fremd und ungewohnt wirken muß, zumal wenn es der erste und einzige Urlaub ihres Lebens ist. In „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ wird hiervon nichts spürbar, ja es scheint egal zu sein, wo sie sind. Was im Buch einschneidendes Abenteuer ist, das am Ende eines Kampfes liegt, ist hier fast beiläufige Nebensache. Das gemeinsame Dinner von Hazel und Augustus hat hier keine märchenhafte Qualität, sondern findet in irgendeinem kleinen Fressschuppen statt, der Sachen serviert die aussehen wie von der Kantine im Bürgeramt Friedenau.

Hat Boone Angst die jungen Zuschauer zu überfordern, wenn er ihnen kein Kasperletheater serviert. Wenn er Sachen nicht aussprechen oder einblenden lässt, sondern einfordert Zusammenhänge selbst zu erkennen? Oder haben er und seine Drehbuchautoren einfach keine Ideen? Glauben sie auf Schulfernseh-Niveau erzählen zu müssen, weil sie das Gejammer der Fans fürchten? Warum wird sich nie Zeit gelassen, warum wird alles abgespult und mit größtmöglichem Fluffigkeitswert aufgepustet, damit alle jene unangenehmen Gedanken die Hazel im Buch faszinierend machen nicht von der stereotypen Romanze ablenken, die keinerlei Tiefe hat und das ganze als tränendrüsigen Feelgood-Krebs-Streifen denunziert, der bieder alle YA-Novel-Verfilmungsklischees bedient ohne wirklich etwas zu bewegen.

Dem Erfolg bei den Fans wird das wohl kaum schaden, doch die Chance John Greens ungemein treffsichere Schreibe ins Medium Film zu übersetzen ist leider gescheitert.

Okay.

  • matthias 16. 6. 2014 an 21:17

    Ich fände es klasse wenn ihr vor dem Artikel in 2-3 Sätzen kurz anreißen könntet um was es in dem Film geht. Ich kenne weder das Buch, noch habe ich einen trailer oder sonstwas gesehen. Fände es aber gut wenn hier kurz angeschnitten wird um was es in dem Film geht. Gruß, Matthias

    • Oliver Lysiak 19. 6. 2014 an 14:34

      Hatten wir früher mal, wurde allerdings oft als überflüssig bezeichnet, daher nicht mehr. Aber ich überlege es wieder einzuführen oder ggf nen Trailer einzubauen. :)

  • Anke 19. 6. 2014 an 9:03

    Sonntag morgen die Rezension noch im Bett liegend gelesen. Neugierig auf das Buch geworden. Probekapitel geladen. Probekapitel gelesen. Restbuch geladen. Tee gekocht. Restbuch verschlungen. Bester Sonntag in diesem Jahr gewesen. Danke!

  • Ricardo 19. 6. 2014 an 14:29

    Geschwollenes Gewäsch ohne Bezug zum Film als eigenständiges, künstlerisches Werk. Mir für meinen Teil hat der Film halb das Herz zerrisen. Ich bin absoluter Philadelphia Fan, aber der hier legt noch ne Schippe oben drauf. Klar funktioniert das Ganze nur über die Gefühle bei solchen Schicksalen, aber gennau so soll es doch sein.

    Eine Analyse auf vermeintlich höherer Ebene zerreist doch nur, worum es eigentlich geht. So ist das Leben eben und das ist in diesem Film wundervoll auf den Punkt gebracht. Ausschmücken gehört beim Film nunmal immer dazu.

    Von mir 5 Sterne mit dem Prädikat: „absolut sehenswert“.

    • Oliver Lysiak 19. 6. 2014 an 14:33

      Philadelphia war aber auch ziemlicher Käse, wenn man es genau nimmt ;)

      • Ricardo 19. 6. 2014 an 14:55

        Dann hätte ich jetzt gerne einmal eine Empfehlung :)

        • Oliver Lysiak 19. 6. 2014 an 15:24

          Als Alternative zu Philadelphia schlage ich z.B. Parting Glances mit Steve Buscemi oder …and the band played on vor. Oder Jeffrey.

          Und als Alternative zu Fault in our stars gibts haufenweise gute Coming of Age-Filme wie Welcome to the dollhousem Nick & Norahs infinity playlist, Perks of being a wallflower, Submarine oder wenn es was mit Krebs-Thematik sein soll dann Death of a Superhero.

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