Review

Lucy (Review)

6. 8. 2014, Rocky Balbea, 5 Kommentare
  • Rocky Balbea
3.5

Summary

Die schizophrene ADHS Variante eines potentiell genialen Films, der nicht weiß, was er will oder wohin er soll. Aber so viel Verrücktheit macht auch Spaß und langweilt wenigstens nicht, wie die anderen generischen Sommerfilme. Also was solls, Anarchie mit Scarlett Johansson!

Lucy_advance_style_buy_original_movie_posters_at_starstills__99150Luc Bessons Lucy ist eine Film gewordene Contradictio en adjecto. So richtig fassen kann man es nicht, denn wie schafft Besson es nur einen Film zu machen, der gleichzeitig so richtig gut und so richtig schlecht ist? In dem so viel falsch ist und der gleichzeitig so viel richtig macht? Da tut einem gleich das Hirn weh.

Und da wären wir auch schon beim Thema, denn die Grundprämisse von Lucy ist der Gedanke, dass der Mensch nur 10% seiner Hirnkapazität nutzt. Määääp. Das ist schonmal grundsätzlich falsch. Kein guter Start möchte man sagen. Und wer ab hier — also der ersten Filmminute an — auf korrekte Fakten besteht, kann direkt nach Hause gehen. Darüber muss man komplett hinweg sehen, es als Fiktion/Science-Fiction nehmen, denn die wissenschaftliche Grundlage, die Besson sich hier zusammengegoogelt hat, ist Hirn erweichender Schwachfug. Da hilft es auch nicht, dass Morgan Freeman den Wissenschaftler spielt und man aus unzähligen Filmen und Dokus daran gewöhnt ist, dass er einem das Leben erklärt. Aber zurück zu Lucy.

Eigentlich ist sie ja eine Studentin in Taipei, die sich mit dem falschen Typen eingelassen hat. Aber wer hat das nicht schon mal…*räusper*. Leider ist ihr Exemplar ein ganz hervorragendes Arschloch und zwingt sie dazu einen Koffer bei einem Drogenboss abzugeben. Die Transaktion geht ordentlich in die Hose und Lucy erwacht mit einer schicken Narbe am Bauch und dem freundlichen Hinweis, dass jetzt ein Paket mit einer experimentellen Droge in ihre Gedärme gepackt wurde, die sie bitteschön jetzt in die USA schmuggeln darf. Doch dazu kommt es nicht, der Beutel geht kaputt und Lucy wird in einer der erklärbärigsten Parallelmontagen ever zum ersten Menschen, der über die 10% Hirnnutzung hinaus geht. Diese Grundhaltung des Filmes alles zu erklären und zwar so, als wäre man als Zuschauer eher am unteren Spektrum der Intelligenz, nervt übrigens gewaltig. Vor allem weil Besson es nicht dabei belässt, dass unser aller Prof. Dr. Morgan Freeman es mal mit einer PowerPoint Präsentation und gestelzten Fragen aus dem Publikum erklärt. Nein, man muss das auch noch bebildern mit Restschnipseln aus Tierdokus und Affenmenschen, die Feuer machen. Ja, ich weiß, das gehört halt zum Bessonschen Stilrepertoire aber das hat sich die letzten zwanzig Jahre nun so gar nicht weiterentwickelt und wirkt hier nur noch eigenartig. Nichtsdestotrotz, bis hier ist der Film noch einigermaßen geradlinig. Doch ab dem Augenblick Lucys cerebraler Erleuchtung wird alles völlig chaotisch. Lucy nietet ein paar Gangster um, lässt sich den Kram aus dem Körper schneiden, zieht sich die typisch Bessonsche Fetischklamotte an und jagt den anderen Drogenpaketen hinterher — in ihrem Schlepptau die Mafia. Aber eigentlich hat man das Gefühl, dass Besson ab hier nur noch raufzählt: 10%, 20%, 30% …. und sich für jeden Zehnerschritt ein paar lustige Superheldenskills und visuelle Gimmicks ausgedacht hat. Lucy wird quasi sofort zur ultimativen Superheldin. Das macht zwar Spaß zuzuschauen aber es nimmt auch jegliche Spannung aus der Drogenschmuggel/Mafia/Actionjagd- Geschichte, denn wer kann ihr schon noch zu nahe kommen? Ich wünschte hier hätte sich Besson entschieden den Actionquatsch zu lassen, die Mafiosi alle umzunieten und sich dann eben auf den Science-Fiction Teil zu konzentrieren, aber nein, er versucht beide Pferde nach Hause zu reiten.

Oder besser gesagt drei Pferde. Denn mit Hirn kommt Erleuchtung und in den letzten 30% wird es philosophisch. Leider geht der Horizont hier nicht über Küchenphilosophie hinaus und alsbald weiß der Film auch nicht mehr was für Fragen über den Menschen und das Universum er sich da stellt und bebildert ab da lieber kryptisch mit Screensavern, dem Universum und dem verkackten Affen (Wo ist Andy Serkis, wenn man ihn braucht?) vom Anfang. Was will der Film sagen? Was will er sein? Worum geht es? Wo will e hin? Das weiß weder der Zuschauer noch der Filmemacher. Aber wenn man sich der völligen Verlorenheit und dem totalen Chaos des Filmes mit ein anarchischer Offenheit entgegnet und ihn einfach feiert für das verkorkste Gezwirbel, dass er nun mal ist, kann man durchaus Spaß haben. Denn langweilig wird es nicht, dafür ist Lucy (der Film, nicht die Figur) einfach zu neurotisch und bekloppt. Dass die Geschichte quasi über den ganzen Boden platzt, wie eine fallen gelassene Wassermelone und sie doch am Ende ins Ziel kriechen kann, liegt einzig und allein an Scarlett Johansson, alles irgendwie zusammenhält. Hauptsächlich weil sie den Wahnsinn an ihre Figur zu binden weiß und diese genügend Stärke hat das alles auszuhalten. Aber vielleicht ist es auch banaler, vielleicht guckt man sich Johansson einfach so gern an, dass sie ganz gut ablenkt vom Rest? Ich weiß es nicht so ganz, ich weiß aber, dass sie in den ersten 30 Minuten eine hervorragende Leistung bietet und man ihr Vermögen menschliche Gefühle darzustellen den Rest des Filmes über echt vermisst, denn sie wird abermals als „coole“ Frau gecastet und darf somit keinerlei Mimik haben außer 1) böse gucken, 2) sexy gucken und 3) sarkastisch amüsiert gucken.

So bleibt Lucy ein Film, der irgendwie unglaublich Potential hat, das aber oftmals nicht nutzt und lieber total wirr in der Gegend rumspringt. Das wiederum macht er aber so ekstatisch, dass das auch wieder Unterhaltungswert hat.

 

 

  • der alte Sack 6. 8. 2014 an 12:26

    Schöne gesteltze Kritik, aber was solls es ist ein Besson in Regie seit langen Jahren und als alter Franzosenglotzer werde ich es mir beim Wake-up-Kino in Stuttgart reinziehen, kostet drei Euro morgends um 5.30 Uhr und brezel und Kaffee ist auch dabei, da kann man als alter Sack ja nichts falsch machen. Eine Frage noch: Hat Besson was mit der am Laufen? Der verliebt sich doch immer in seine Hauptdarstellerinnen, heiratet sie dann, lässt sich dann scheiden und macht aus Frust wieder ein Paar Jahre keine Filme mehr :-)

  • Jürgi Jürgi 6. 8. 2014 an 13:25

    Ich will jetzt nicht an der Kritik rütteln oder an sonstwas…
    Aber ich hoffe jeder hier weiß, dass diese 10% Hirnnutzung eine Erfindung von Scientologie sind, damit Leute sich die 100% Marke „erkaufen“ bei denen…
    Ich finds einen Hammer das dies immernoch jeder glaubt, auch wenn’s nur Besson ist.

  • der Alte Sack 14. 8. 2014 an 10:01

    Also, jetzt war ich heute morgen bei uns im Wake-Up Kino und muss mal sagen: So schlecht war er nicht. Klar Nikita, Im Rausch der Tiefe, Leon der Profi, Das Fünfte Element und Johanna von Orleans sind andere Sphären, aber er war ein Film der mal nicht nur mit Gewalt und Aktion Koketierte sondern auch das Publikum zum Nachdenken zwang, indem er immer wieder in ruhigen Minuten inmitten der Actionsequenzen für Augenblitzeln sorgte. Ihn also so zu verreißen ist meiner Meinung nach nicht gerecht und wird auch dem Film nicht gerecht. Er hatte Bilder und Szenen, die sonst nicht oft zu sehen sind. Bessonsches Zeitlupengeballere und inmitten drin wieder Fetzen von Landschaftsaufnahmen. Mag man von der Aussage des Films halten was man will, so etwas sieht man nicht jeden Tag. Aber selber ansehen, und sich selber eine Meinung drüber bilden. Lohnt sich eher wie Geld in andere Filme zu investieren.. das meine zumindest ich….

  • thaniell 6. 9. 2014 an 1:32

    So sehr ich dem Film zugute halte, dass er mal anders zu sein wagt – so sehr nervte es dann aber auch, dass all diese pseudo-anspruchsvolle Wissenschafts-SciFi-Story so … saumäßig plump erzählt wurde und vor Unfug nur so strotzte…

    Lustig fand ich ja, dass Gott mal so mittendrin in seiner aus dem Hut gezauberten Theorieerklärung meinte, „ja aber ab X Prozent, da muss ich spekulieren“ (sinngemäß) … Gott und spekulieren, also wenn der nicht mehr weiß was in seiner Welt abgeht… nicht, dass die vorherigen „Stufen“ der Gehirnerweiterung zuvor irgendwie weniger aus dem Hut gezogen waren, nein die waren natürlich völlig sicher, das hat er vermutlich an kleinen Mäusen ausprobiert……

  • Etienne 11. 9. 2014 an 22:22

    Grundsätzlich geile Idee mit nem geilen Cast und Director, aber eine Enttäuschung. Die Steigerungen der Gehirnkapazität im Film sind unrealstisch und unverhältnismäßig. 20% beim Delphin bringen ein super „Gehör“ (Sonar) und beim Menschen telekinetische Kräfte, mit denen man Leute durch die Luft schleudern kann… tz.
    Da gefiel mir Limitless um einiges besser.