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Berlinale 2015, Tag 3: ANGELICA, LOVE & MERCY, IXCANUL, DYKE HARD

8. 2. 2015, Sebastian, 0 Kommentare

In der U-Bahn auf dem Weg zur Berlinale las ich heute Morgen in Tara Isons „Reeling Through Life“, einem Buch über den Einfluss von Filmen auf das Leben der Autorin. In dem Essay, den ich heute las, schreibt sie von Filmen über „crazy people“, über Menschen mit psychischen Störungen oder aber Menschen, meistens Frauen, die unbequem oder schwierig oder seltsam sind und von Angehörigen oder, keine Ahnung, der Gesellschaft, als „crazy“ abgestempelt und ohne Not in geschlossene Anstalten oder psychiatrische Kliniken eingewiesen werden. „There is a thin, shaky line between being crazy and being inconvenient.“, schreibt Ison.

Das sollte sich unerwartet als prophetisch erweisen, denn gleich zwei Filme sah ich heute, die sich mit solchen Menschen auseinandersetzen, und die beide (u.a.) die Frage stellen, ob ihre Protagonisten nun crazy, im Sinne von tatsächlich psychisch krank, oder „crazy“, im Sinne von: Seltsam, eigen und vielleicht ein Bisschen unbequem sind. Darüber hinaus haben ANGELICA und LOVE & MERCY nicht soviel gemeinsam, aber es gehört sich in so einem Festivaltagebuch nunmal, thematische Verbindungen zwischen Filmen zu finden (und man wird nach ein paar Tagen Filmfestival selbst ein Bisschen „crazy“).

ANGELICA ist ein Film, den ich abwechselt gehasst und dann geliebt und am Ende wieder ein Bisschen gehasst habe (die folgende Diskussion des Films enthält Spoiler): Jena Malone spielt Constance, die sich im viktorianischen England in den Wissenschaftler Joseph Barton (Ed Stoppard) verliebt. Die beiden heiraten und bekommen ein Kind, die titelgebende Angelica, doch Mutter und Tochter überleben die Geburt nur mit viel Glück und Constance wird von nun an vollständige sexuelle Abstinenz verordnet – eine Vorgabe, die schwer einzuhalten ist für Barton, der sich als proper Englishman stilisiert, aber laut Constance als gebürtiger Italiener zügellose Triebe hat.

Bis hierhin wirkt ANGELICA (im Nachhinein betrachtet: bewusst) wie ein extrem konventionelles, schablonenhaftes period piece über die „Zwänge der bürgerlichen“ Gesellschaften oder irgendwelche anderen Phrasen, die man damals im Deutschunterricht über Effie Briest gelernt und abgespult hat. Dann allerdings nehmen nach und nach abseitigere Elemente Einzug in den Film: Barton überzeugt Constance, dass sie sich an „anderen Möglichkeiten“ der sexuellen Befriedigung versuchen sollen, was zur besten (und, okay, einzigen) Blowjob-Szene führt, die ich bisher in einem Kostümfilm gesehen habe, komplett mit Würgegeräuschen und gefolgt von der sehr seltsamen und im weiteren Verlauf des Films leider nicht so richtig weiter verfolgten Offenbarung, dass Tochter Angelica offenbar leidet (in diesem Fall: fast erstickt), wenn die Mutter ihre Sexualität auslebt. Dann ist da noch die Szene, in der Constance herausfindet, dass ihr Mann an Tierversuchen beteiligt ist, und für eine kurze, aber eindrucksvolle Sequenz gibt es tatsächlich Gore in diesem nun-gar-nicht-mehr-konventionellen Kostümdrama. Und schließlich beginnt Constance, einen Geist/Dämon/whatever zu sehen, zusammengesetzt aus Mikroben, Krankheitserregern, der sich an ihrer Tochter vergehen will.

Die Frage, um die es nun wenig überraschend geht, ist die, ob Constances Erscheinungen real sind oder sich nur in ihrem Kopf abspielen, und für eine ganze Weile scheint es angenehmerweise so, als würde der Film ersteres nahelegen: Auch Tochter Angelica sieht die Erscheinung und generell scheint es, als hätten die Frauen im Film Zugang zu einer Welt, die den Männern verborgen bleibt. Leider endet der Film aber auf dem einfallslosesten Twist aller Zeiten, der leider auch die Möglichkeit zerstört, ANGELICA als Gegenentwurf zu „hysterische Frau dreht durch“-Filmen zu lesen – das Ende macht diesen streckenweise angenehm seltsamen Film dann doch wieder enttäuschend konventionell.

Konventionelles hatte ich auch von LOVE & MERCY erwartet: Der Film ist ein Biopic über Beach Boys-Mastermind Brian Wilson, und da im Grunde alle Biopics gleich sind (ich bin fast versucht zu sagen: gleich schlecht) hatte ich keine allzu großen Erwartungen an den Film, habe ihn im Grunde nur angesehen, da ich mich als großer Beach Boys-Fan dazu verpflichtet fühlte. Glück gehabt, denn LOVE & MERCY ist ein großartiger Film, und zwar gerade, weil er den klassischen Biopic-Weg – chronologische Nacherzählung der wichtigsten Stationen im Leben des Protagonisten – meidet. Stattdessen haben Regisseur Bill Pohlad und die Autoren Michael A. Lerner und Oren Moverman sich die Frage gestellt, was Brian Wilson als Mensch und Musiker ausmacht und wozu sie tatsächlich etwas zu sagen haben. Wir treffen Brian Wilson daher in zwei unterschiedlichen Phasen seines Lebens, oder man könnte, unter anderem aufgrund der Besetzung mit zwei unterschiedlichen Darstellern, auch sagen: Wir treffen zwei verschiedene Versionen von Brian Wilson. Der junge Brian Wilson (Paul Dano) bittet die anderen Mitglieder der bereits erfolgreichen Beach Boys, die anstehende Tour ohne ihn  zu absolvieren, damit er in Ruhe an neuen Songideen, den Ideen, die die Basis für das Meisterwerk Pet Sounds formten, arbeiten kann. Der ältere Brian Wilson (John Cusack) lernt seine spätere Frau Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) kennen, die ihm hilft, sich von seinem Therapeuten und gesetzlichen Vormund (Paul Giamatti), der ihn mit Über- und Falsch-Medikation kontrolliert, zu emanzipieren.

Wie jedes Musiker-Biopic will auch LOVE & MERCY den Menschen hinter der Musik zeigen und macht das besser als die meisten: Der Film zeigt besonders eindringlich, mit welchen massiven psychischen Problemen Wilson zu kämpfen hatte (und hat), vermeidet es dabei aber, zu mythologisieren, seine Krankheit(en) und sein Genie in eine Ursache-Wirkung-Beziehung zu setzen.

Anders als (fast) jedes Musiker-Biopic macht sich LOVE & MERCY aber auch die Mühe, den, ähem, Musiker hinter der Musik zu zeigen, anstatt einfach, wie sonst so oft der Fall, hin und wieder eine Figur in die Kamera zu sagen, dass die Hauptfigur ein Genie ist, ohne je deutlich zu machen, was genau dieses Genie ausmacht. Die besten Szenen des Films sind die, in denen Dano (der leider wie immer peinlich chargiert, was im Kontrast zu Cusacks subtiler Darstellung noch mehr auffällt) mit Studiomusikern an den Songs arbeitet. Besser als diese Szenen es tun kann man wahrscheinlich nicht erklären, was die Musik der Beach Boys besonders macht, ohne musikwissenschaftlich zu werden: Wir sehen (und, wichtiger, hören) wie Wilson mit einzelnen Musikern arbeitet, wir hören einzelne Elemente der Songs, die dann nahtlos in die bekannten Aufnahmen übergehen, sodass auch Laien, nun sensibilisiert für diese Elemente, sie im Songkontext erkennen können. LOVE & MERCY ist daher nicht nur ein guter Film, sondern auch ein Stück Musikkritik, nach dem wohl so mancher Zuschauer die Beach Boys-Songs völlig neu entdecken wird.

Umrahmt wurden diese Filme von den Extremen des Berlinale-Programms: IXCANUL, der erste Film des Tages, ist vielleicht der Berlinaligste Berlinale-Film, den es dieses Jahr zu sehen gibt, über ein 17jähriges indigenes Mädchen in einem Bergdorf in Südamerika, das zwangsverheiratet werden soll, dann aber von einem Freund schwanger wird und sehr, sehr viel leidet. Es ist einer dieser Filme, die langsames Pacing mit Anspruch und eine Hauptfigur, die nichts sagt oder Mimik hat, mit einer, die vielschichtig und ambivalent ist, verwechseln. Wenn Menschen die Berlinale meiden, dann wegen solchen Filmen.

Der letzte Film des Tages für mich hieß DYKE HARD und warf in jeder Einstellung die Frage auf: Was zur Hölle hat dieser Film auf der Berlinale verloren? Ich meine das auf die bestmögliche Weise: Der schwedische DYKE HARD ist ein hemmungslos trashiges, billig produziertes B-Movie über eine lesbische Rockband auf dem Weg zu einem Battle of the Bands/Martial Arts Tunier. Der Film ist schlecht gespielt, inkompetent inszeniert und geschnitten, schlecht nachsynchronisiert und hin und wieder gibt es Songs zu hören, die klingen, als hätte ein Kind versucht, auf einem alten Casio-Keyboard amerikanische Popsongs nachzukomponieren, nachdem es diese exakt einmal hören durfte. Kurz: Niemand, der an diesem Film beteiligt war, hat Talent für das, was er tat, dafür hatte allerdings jeder Lust und Leidenschaft für das Filmemachen im Überfluss. Manchmal ist so ein Film genau das, was man braucht, auf der Berlinale aber nur selten kriegt.

  • Die schlechtesten Filme 2015 - Die Fünf Filmfreunde 31. 12. 2015 an 10:12

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