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Berlinale 2015, Tag 6: EVERY THING WILL BE FINE, FLOCKEN, THE YES-MEN ARE REVOLTING

11. 2. 2015, Sebastian, 3 Kommentare

Falls jemand in der Pressevorführung zu Wim Wenders‘ EVERY THING (sic) WILL BE FINE saß und irritiert war über das laute Prusten bei der letzten Einstellung: Sorry! Man möge bitte nicht allzu böse sein, dass ich am Ende nicht mehr an mich halten konnte, sondern dankbar für die vielen, vielen (vielen!) Momente, in denen ich mir das Lachen während der Vorstellung halbwegs erfolgreich verkniffen habe.

Stellenweise ist Wenders‘ Film unfreiwillig komisch, größtenteils aber einfach langweilig und peinlich. An einer Stelle fragte Kollegin Jenny mich, warum eine Figur etwas bestimmtes getan hatte, sie habe gerade kurz die Augen zugemacht. „Du hast das Leben geführt, das ich mir selbst auch gewünscht hätte.“, antwortete ich.

EVERY THING WILL BE FINE erzählt von einem Schriftsteller (James Franco), der ein Kind anfährt und tötet, davon, wie er den Unfall verarbeitet und wie sich seine Beziehung zur Mutter und dem Bruder des Jungen über die Jahre entwickelt. Der Film ist in 3D, denn wie sollte man so eine Geschichte bitte sonst erzählen, wenn man nicht von den neuesten technischen Möglichkeiten und Effekten Gebrauch machen könnte? Die Figuren schauen viel nachdenklich aus Fenstern und schweigen gemeinsam am Telefon. James Franco spielt weniger unerträglich als in Werner Herzogs QUEEN OF THE DESERT, aber auch nicht wirklich gut. Charlotte Gainsbourg muss mal wieder ein Kind verlieren und leiden. Am Ende scheint es kurz, als würde der Film sich noch zum sleazy Thriller entwickeln, wenn der Bruder des toten Jungen Franco zu stalken beginnt. Dann gibt es sogar ein, zwei Einstellungen, in denen Wenders das 3D ganz ansprechend nutzt. Er kriegt dann aber doch noch die Kurve und beendet den Film schnell mit der erwähnten, extrem cheesy letzten Einstellung, bevor er Gefahr läuft, doch noch irgendwie interessant oder unterhaltsam zu werden. Im Film schreibt Franco plötzlich bessere Bücher, nachdem er den Jungen überfahren hat, er wird origineller und kreativer. Auf der positiven Seite kann man also immerhin festhalten, dass Wim Wenders ganz sicher nie ein Kind überfahren hat.

Nach diesem deprimierend schlechten Film mit einer deprimierenden Handlung über ein totes Kind schaute ich zur Auflockerung einen Film über Vergewaltigung und rape culture. Okay, Spaß gemacht hat der schwedische Film FLOCKEN auch nicht gerade, aber immerhin hat er ein Bisschen was zu sagen oder versucht es zumindest. Im Grunde ist die Geschichte DIE JAGD, nur aus anderer Perspektive: Die junge Jennifer beschuldigt einen Schulkameraden der Vergewaltigung – allerdings ist es nicht er, sondern sie, die fortan in ihrem kleinen Dorf geächtet und ausgegrenzt wird. Die Handlung entfaltet sich auf vorhersehbare Weise und die Hauptfigur wird zu sehr über das an ihr begangene Verbrechen definiert, aber anders als bei DIE JAGD hatte ich hier nicht eine Sekunde das Gefühl, dass der Handlungsverlauf überzogen oder unrealistisch ist – was durchaus etwas über unseren Umgang mit (mutmaßlichen) Vergewaltigungsopfern vs. den mit (mutmaßlichen) Tätern aussagt.

Am Abend gab es dann tatsächlich etwas Auflockerung, in Form von THE YES-MEN ARE REVOLTING. Die mittlerweile dritte Doku über die Yes-Men, ein Duo von Aktionskünstlern, die mit oft komödiantischen Aktionen politische Veränderungen anstoßen wollen, ist genauso unterhaltsam und witzig wie die Vorgänger. Was diesen Film allerdings von den ersten beiden unterscheidet, ist, dass er die Yes-Men in einer Phase großer Veränderungen in ihrem jeweiligen Leben, Unsicherheit über die eigene Arbeit und auch der Zerstrittenheit untereinander begleitet. Das Ergebnis ist ein Film, der sehr berührend die Geschichte einer Freundschaft erzählt, diese allerdings auch als Ausgangspunkt nimmt, zu fragen, ob und wenn ja wieviel politischer Aktivismus verändern kann und wieviel es sich lohnt, dafür aufzugeben. Außerdem waren die Yes-Men wohl die einzigen Gäste der diesjährigen Berlinale, die beim anschließenden Q&A einen Eisbären mit auf die Bühne holten. Ich hoffe, den beiden armen Menschen, die im ohnehin schon unerträglich heißen Kino 40 Minuten in diesem beeindruckend lebensechten Kostüm verbringen mussten, geht es gut.

  • Dr.Strangelove 13. 2. 2015 an 1:50

    Kurz: Es ist kein Film „ÜBER“ the Yes Men. Sondern die Yes Men drehen die Filme schon immer selbst. Also eher „VON“ The Yes Men.
    Die Kritik zu Wim Wenders Film fand ich super.
    Generell lese ich die Kolumne hier jeden Tag sehr sehr gerne!

  • Sebastian Moitzheim 14. 2. 2015 an 11:12

    Danke, das freut mich sehr!

  • harry 8. 3. 2015 an 4:56

    Kurz, knackig, gut geschrieben.
    Bin gespannt auf die nächsten Tage!