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Berlinale 2015, Tag 9: CINDERELLA, NED RIFLE, HEDI SCHNEIDER STECKT FEST

14. 2. 2015, Sebastian, 0 Kommentare

Den Trailer zu Kenneth Branaghs CINDERELLA sah ich zum ersten Mal in der Pressevorführung zur Sondheim-Verfilmung INTO THE WOODS. Für diejenigen, die nicht regelmäßig bei PVs sind: Es ist ziemlich unüblich, dass dort vor dem Film noch Trailer gezeigt werden. Disney muss sich also bewusst entschieden haben, den CINDERELLA-Trailer vor dem düsteren, erwachsenen Märchen-Mashup zu platzieren, wie um uns vorher noch einmal in Erinnerung zu rufen, was sie sonst für aalglatte Filme produzieren, damit wir INTO THE WOODS richtig zu schätzen lernen.

Mit INTO THE WOODS im Hinterkopf ist CINDERELLA ein merkwürdiges Erlebnis: Moment, fragte ich mich irgendwann, das ist wirklich einfach nur eine Märchenverfilmung – niemand hat Affären, niemand wird vergewaltigt, der Prinz reißt sich an keiner Stelle sein Hemd vom Leib, um eine homoerotische Power-Ballade zu schmettern? Aber gut, CINDERELLA will nunmal etwas ganz anderes als INTO THE WOODS und irgendwo ist es durchaus charmant, wie vollkommen ironiefrei, ja sklavisch Branagh die Vorlage umsetzt – man spürt in jeder Einstellung, dass er diese ehrlich liebt. Leider spürt man aber auch in jeder Einstellung, dass er auch und vor allem den Exzess liebt: Der Film ist in jedem Aspekt völlig überladen, alles ist immer eine Spur zu dick aufgetragen, ein Bisschen zu sehr ausgeschmückt. Toll ist das nur im Falle der bösen Stiefmutter, von Cate Blanchett mit sichtlichem Spaß und leisem Amüsement über ihre eigene Figur grandios over-acted. Richtig schlimm wird es dagegen, wenn Cinderellas „Freunde“, furchtbar animierte, anthropomorphe CGI-Mäuse zu sehen sind, und das sind sie leider oft.

Insgesamt ist CINDERELLA ein Film, der selten weh tut, an dem man sich aber auch nicht reiben kann – durchaus unterhaltsam, aber unterm Strich eben auch vergessenswert. Dass er bei der Berlinale-PV Szenenapplaus bekam, führe ich jetzt einfach mal auf akute Kunstfilm-Übersättigung (auch, wenn der Wettbewerb dieses Jahr nun wirklich nicht allzu anstrengend war) des Publikums denn auf die tatsächlichen Qualitäten des Films zurück. Ansonsten verstehe ich meine Kritiker-Kollegen wohl noch schlechter, als ich bisher dachte.

Besser verstehen konnte ich da den Hal Hartley-Superfan, der Hartley beim Q&A nach der Vorführung seines NED RIFLE atemlos erzählte, er habe jeden seiner Filme viele Male gesehen, TRUST gar über 30 mal. NED RIFLE ist der dritte Teil einer losen Trilogie, die Hartley Ende der 90er mit HENRY FOOL begann und 2006 mit FAY GRIMM fortsetzte. Der titelgebende Ned (Liam Aiken) tritt an seinem 18. Geburtstag aus dem Zeugenschutzprogramm aus und verlässt die streng christliche Familie, die ihn aufgenommen (und zu Gott geführt hat) und macht sich auf den Weg, seinen Vater Henry Fool (Thomas Jay Ryan) zu töten, weil der in seinen Augen das Leben seiner Mutter Fay Grimm (Parker Posey) ruiniert hat. Auf dem Weg trifft er Susan Weber (Aubrey Plaza in der besten Rolle ihrer bisherigen Karriere), die besessen von seinem Onkel, dem Poeten Simon Grim (James Urbaniak), ist.

NED RIFLE ist nicht weniger als brillant. Temporeich und witzig, in minimalistischen, aber perfekt komponierten Bildern erzählt der Film von Schuld und Verantwortung, von Traumata und deren Bewältigung, von Religion und Kunst. Er kann ohne Probleme für sich stehen, funktioniert aber, mit Kenntnis der Vorgänger, auch als sehr treffender Abschluss eines Gesamtkunstwerks. Wobei es irgendwo auch schade ist, dass Hartley nach eigenen Aussagen mit der Grim-Familie und ihrem Umfeld abgeschlossen hat, denn jede einzelne Figur in NED RIFLE hätte das Potential, (noch) einen eigenen Film zu tragen. Allein Susan böte Stoff für ihre eigene Spinoff-Trilogie.

Der letzte Film des Tages hieß HEDI SCHNEIDER STECKT FEST, ein deutscher Film, den ich bei der Zusammenstellung meines Programms früh gestrichen habe, aufgrund von enthusiastischen Empfehlungen von Freunden und Kollegen dann aber doch noch irgendwo unterkriegen musste. Tatsächlich ist Sonja Heiss‘ Komödie über die eigentlich fest im Leben stehende Hedi (Laura Tonke), die plötzlich, scheinbar aus heiterem Himmel an einer Panikstörung zu leiden beginnt, wohl einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre. Der Umgang mit Hedis Krankheit ist unaufgeregt, aber ehrlich und nicht beschönigend, Laura Tonke spielt großartig – besonders die tatsächlichen Panikattacken spielt sie beängstigend lebensnah – und es gibt Extrapunkte dafür, dass der Film – anders als viele Sundance-Indie-Dramedys, die Heiss sich ganz eindeutig zum Vorbild genommen hat – zeigt, dass Psychopharmaka nicht immer jeden, der sie nimmt, zum emotionslosen Zombie machen, sondern dass sie auch tatsächlich, naja, helfen können. Dass der Film auch zeigt, wie Hedis Mann und Sohn mit ihrer Krankheit umgehen und auch selbst darunter leiden, ist zwar schön, dass ihr Mann gegen Ende mit einer halbherzig anerzählten Betrugsgeschichte kurzzeitig zur Hauptfigur des Films wird, trübt das ansonsten hervorragende Gesamtbild allerdings etwas.