Review

San Andreas (Review)

27. 5. 2015, Jet Strajker, 0 Kommentare
Originaltitel: San Andreas, Herstellungsland: USA 2015, Regie: Brad Peyton, Darsteller: Dwayne Johnson, Carla Gugino, Alexandra Daddario, Paul Giamatti, Ioan Gruffudd, Archie Panjabi
  • Jet Strajker
  • Batzman
2

Kurzfassung

Mit viel süßlicher Familiensahne dekoriertes und natürlich ohnehin arg geschmackloses Erdbebenspektakel, für das sich wahrscheinlich selbst Roland Emmerich zu schade gewesen wäre. Und by the way: Die humanitäre Hilfe in Nepal benötigt noch dringend Spendengelder.

san andreas poster
Jet Strajker meint:

Wenn Katastrophenfilme schon Großstädte und Denkmäler in Schutt und Asche legen, ganze Landstriche dem Erdboden gleichmachen und überhaupt genussvoll ein soziales, wirtschaftliches und politisches Chaos anrichten, sind sie immerhin noch für eines gut: Die Rekonstruktion der Kernfamilie! Mehr jedenfalls wird man aus „San Andreas“ wohl nicht mitnehmen können.

Mehr aber soll man wahrscheinlich auch gar nicht mitnehmen. Gegen das Naturdrama – hier ein massives Erdbeben entlang der 1000 Kilometer langen San-Andreas-Verwerfung – lässt sich ohnehin nichts mehr ausrichten, weshalb zumindest familiär alles ins Lot gebracht werden muss. Und das heißt eben: Papi, ich hab dich so lieb; Mami, gib Papi bitte noch eine Chance.

Den Papi spielt Dwayne „The Rock“ Johnson. Er ist Rettungspilot, Noch-Ehemann, Vater einer herzensguten Tochter. Die vor dem großen Beben spielende Eingangsszene des Films bringt ihn als wagemutigen Sanitäter gegen kommende Ereignisse in Stellung. Zweifel, ob dieser grundsympathische Muskelberg wirklich alles und jeden zu retten imstande ist, räumt „San Andreas“ binnen weniger Minuten aus.

Dann geht alles ganz schnell. Die Hoover-Talsperre verschwindet im Nirgendwo, wenig später zerbröckelt Los Angeles. Irgendein Wissenschaftler (gespielt vom gnadenlos unterforderten Paul Giamatti) versorgt das Publikum mit lexikalischem Halbwissen, dem innerhalb der Handlung wieder einmal viel zu lange kein Gehör geschenkt wird (da ist der Film für einen kurzen Moment vielleicht sogar realistisch).

Mit seinem Helikopter rettet Papi – den frisch im Briefkasten gefundenen Scheidungspapieren zum Trotz – Ehefrau Emma (Carla Gugino), die gerade noch beim Geschäftsessen mit Kylie Minogue (!) saß, bevor alles unter Trümmern versank. Gemeinsam propellern die beiden Richtung San Francisco, um Tochter Blake (Alexandra Daddario) zu retten.

Blake wurde dort vom neuen Familienoberhaupt (Ioan Gruffudd) im Stich gelassen und nur Dank eines gut aussehenden Engländers (Name egal) vor dem Schlimmsten bewahrt. Selbstverständlich wird Mamis Verlobter für seine Feigheit umgehend von Mutter Natur bestraft, womit der alten Familienkonstellation außer ein paar Erdbeben nichts mehr im Weg steht.

Selbige sind einigermaßen aufwendig animiert (gedreht wurde überwiegend in Australien, weshalb sich alle Action vor Green-Screen abspielt), betreten aber kein tricktechnisches Neuland. Mit dem 3D-Format stellt der Film wenig an, was vor allem deshalb überrascht, weil er sonst nicht zögert, das dramatische Spektakel so geschmacklos wie möglich auszunutzen.

Zumindest dürfte es bisher noch keinen Blockbuster gegeben haben, die die Schreckensbilder des nationalen 9/11-Traumas so ungeniert in einem fiktionalen Zusammenhang digital nachbildet. Ineinanderfallende Wolkenkratzer, aus Hochhäusern springende Menschen und sich gewaltig durch Straßen schiebende Rauchwolken zeigt „San Andreas“ mit geradezu unbekümmerter Unterhaltungsfreude.

Das versichert den Film zwar gegen jede Form von Ernsthaftigkeit, macht seinen hochseriös dargebotenen Familienkitsch aber nicht erträglicher. Zuletzt adelt „San Andreas“ die in eigentlich allen Filmen des Genres – besonders dem sehr ähnlichen „2012“ von Roland Emmerich – bemühte Wiedervereinigungsfantasie sogar noch mit einer groß durchs Bild wehenden US-Fahne.

Natürlich könnte man solche Geschichten auch ohne Rettungsmanöver oder eigennützige Versöhnungsgesten erzählen, doch muss den gepixelten Zerstörungsbildern offenbar immer ein höherer Sinn verliehen werden (schon gar nicht dürfen sie hoffnungs- und aussichtslos sein, wo käme man dahin). Die Welt also, sie kann ruhig untergehen, so lange am Ende wenigstens das familiäre Gefüge wiederhergestellt ist.

Das macht Hollywood-Katastrophenfilme zu einem der konservativsten und – ironischerweise – unzerstörbarsten Genres des amerikanischen Kinos, nicht zuletzt, weil ihre melodramatische Infantilität an menschlichen Grundfesten rührt: Wer würde im Angesicht einer Weltzerschlagung nicht gern bei seinen Liebsten sein – oder sich, noch besser, gleich von The Rock beschützen lassen?

Um moralische Widersprüche kann sich derartiges Exploitationkino natürlich nicht scheren, als reißerische Unterhaltung ist es deshalb auch stets von einer besonderen Ehrlichkeit. Vielleicht aber kann die alles durchdringende Doofheit in „San Andreas“ schon deshalb eine logische Konsequenz dieser Art Kino sein, weil jedes Vergnügen daran immer ein schuldiges bleiben muss. Sofern man es denn unbedingt vergnüglich finden möchte.

Batzman meint:

Machen wir uns nichts vor: San Andreas ist ganz schön doof. Er befolgt das Malen nach Zahlen-Buch des Katastophenfilms bis auf den i-Punkt. Der Held ist Kriegsveteran, geschieden und versucht seine Familie wieder zusammenzubringen, der neue Kerl der Mutter ist ein feiger Yuppiewaschlappen, der kneift wenn es drauf ankommt und die Mutter ist im wesentlichen da.

Gut die nutzlose Damsel in Distress ist diesmal ein junger Mann, zugeständnis an den Fortschritt, der allerdings nicht verhindert, dass die großbrüstige, smarte Tochter in 3D ihr wippenden sekundären Geschlechtsmerkmale unter Wasser in die Kamera schwenken muss.

Überraschungen gibt es kaum, die Katatsrophe läuft ab, wie man es gewohnt ist und die meisten Figuren haben jetzt nicht so wahnsinnig viel zu tun. Paul Giamatti sitzt eigentlich den kompletten Film unter einem Tisch oder spricht offenkundiges aus. Wie die meisten der Figuren. Wenn der Hoover-Damm zusammenbricht und die Leute herunter flüchten sagt er: „Flüchtet von der Brücke, der Hooverdamm bricht zusammen“ und wenn er seine Tochter retten fliegt sagt The Rock: „Ich werde jetzt meine Tochter retten.“ Später bemerkt seine Frau wenn ein Hochaus um sie herum einstürzt: „Das Haus stürzt ein.“

Man wagt kaum zu überlegen, wie normale Dialoge am Küchentisch mit diesen Leuten aussehen könnten. „Ich esse jetzt ein Toastbrot!“ – „Papa isst ein Toastbrot“ – „Schau Papa hat ein Toastrbrot gegessen!“

Und natürlich hat die Logik und Physik am Tag des Drehs auch frei und natürlich machen erfahrene Katastrophenretter schon zu Beginn des Films dumme Fehler, die deutlich an ihrer Qualifikation zweifeln lässt. Ich bin kein Experte, aber an einen Helikopter der überladen ist und kaum noch Sprit hat das Gewicht eines Autos zu hängen, dass diesen garantiert abstürzen ließe, scheint eine Mittelgute Idee zu sein.

Also ja: San Andreas ist von vorne bis hinten und über die komplette Laufzeit ganz schön doof. Was nicht heißt, dass er nicht auch Spaß macht. Denn zum einen ist kaum eine Situation vorstellbar in der Dwanye Johnson nicht knuddelig und liebenswert wirkt (nicht auszudenken hätte ein humorfreier Monolith wie Vin Diesel die Rolle gespielt) und zum anderen wirkt der Film durchaus, als wüssten seine Macher genau, wie doof das ganze eigentlich ist. Da enttäuscht dann auch nicht, wie Klischeeartig alle Figuren sind, sonder eher, das es nicht noch mehr Over the Top ist. Wie schön wäre eine Szene in der The Rock eine Felsspalte nur mit Muskelkraft aufhielte, bis ein paar Menschen herauskrabbeln können. Oder wenn er Mano-a-Mano dem Erdbeben entgegenbrüllte: Come on, Motherfucker. Gimme your best Shot!

So spielt San Andreas zwar mit dem Wahnsinn und hat durchaus einige sehr beeindruckende Bilder zu bieten, überschreitet aber leider die Grenze zum ganz großen Wahnsinn, wie Roland Emmerich das in der erste Stunde von 2012 tat.

Was den Streifen dann doch nur ins Mittelfeld bringt, mit all seinem abgelutschten Familientherapie-Happy-End und den markig-doofen Onelinern die direkt aus den 80ern zu stammen scheinen.

Wer in der Stimmung für doofe, aber harmlos-spaßige Unterhaltung ist, der kann es viel schlimmer erwischen als San Andreas. Zumindest wenn man es schafft, angesichts realer Erdbebenkatastrophen das ganze noch als Popcorn-Kino zu konsumieren.