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Zum Tod von Wes Craven (1939 – 2015)

31. 8. 2015, Jet Strajker, 1 Kommentar

Furchtbar an Nachrufen ist, dass sie in der Regel schnell geschrieben werden müssen. So zeitnah wie möglich sollen sie erscheinen, als sei der Tod einer bekannten öffentlichen Person am nächsten oder übernächsten Tag schon nicht mehr ganz so relevant. Diese Dringlichkeit in der Berichterstattung über Prominententode, die ist einigermaßen schrecklich. Sie ist der Grund, warum ich noch nie einen Nachruf verfasst habe. Weil es für passende Worte zum Abschied keine Deadline geben kann und auch nicht geben darf.

Andererseits: Furchtbar, schrecklich – das hätte Wes Craven natürlich gefallen. „The first monster you have to scare the audience with is yourself“, soll er mal gesagt haben. Ein schöner Hinweis auf das persönlich erlebte Grauen des in streng baptistischen Verhältnissen aufgewachsenen ehemaligen Lehrers aus Ohio. Auf die eigenen unheimlichen Abgründe auch, die jeder instinktiv arbeitende Horrorfilmemacher mithilfe seiner Kinomonster ergründet. Und nicht zuletzt darauf, dass dieser stets so wortgewandt und überlegt aufgetretene Wes Craven sehr genau wusste, wovon er während seiner 40jährigen Filmkarriere sprach.

Dennoch schmerzen diese Zeilen. Sie schmerzen auch im eigentlich schönen Wissen, dass Wes Craven mit seinen 25 Spielfilmen alles gesagt hat, was er zu sagen hatte. Sie schmerzen, obwohl er ein so interessantes wie maßgebliches Schaffenswerk hinterlässt, das reich an Diskursen über Gewalt in der Welt und über Gewalt in der Welt des Kinos ist. Sie schmerzen, trotzdem er als vielleicht einziger Filmemacher von sich behaupten konnte, der Popkultur gleich mehrere ikonische Kinomonster geschenkt – und diese Popkultur dann noch einmal selbst von hinten aufgerollt zu haben.

Man wird Filme wie „Last House on the Left“ und „The Hills Have Eyes“, „A Nightmare on Elm Street“ und „The Serpent and the Rainbow“, „Shocker“ und „Scream“ schon deshalb immer wieder sehen, weil sie etwas über den politischen Geist ihrer Zeit erzählen. Und ich werde auch „Deadly Blessing“ und „People Under the Stairs“, verkannte Meisterwerke wie „New Nightmare“ und „Scream 3“, vor allem aber „My Soul To Take“ wieder sehen – jenem grandios durchgeknallten Rückblick über das eigene Schaffen, der jetzt als Wes Cravens letztes Aufbegehren verbleibt.

Ja, mir bedeuten die Arbeiten dieses Mannes unwahrscheinlich viel. Die großen wie die kleinen, die geglückten wie die missglückten, die künstlerisch wegweisenden ebenso wie die eher pflichtschuldigen und doch nie ohne Verve fürs Fernsehen produzierten. Das habe ich letztes Jahr in meinen Geburtstagsgrüßen an ihn zum Ausdruck bringen wollen, als ich Wes Craven keinen Großmeister des Horrors, sondern einen des Kinos nannte. Und mir von Herzen wünschte, dass er auch im stolzen Alter von 75 Jahren nicht aufhören möge, es mit wunderschönen Filmen zu bereichern.

Nun aber ist da die traurige Gewissheit: einen neuen Film von Wes Craven wird es nie mehr geben. Mich trifft das stärker, als mich so manch ein Tod von Menschen traf, die ich persönlich kannte. An die Filme eines Lieblingsregisseurs knüpfe ich geheime Erinnerungen, sie sind Teil meines Lebens und meines Seins, haben mich in nicht unbeträchtlicher Weise zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Das ist mehr, als ich über entfernte Angehörige meiner Familie sagen kann, zu denen ich irgendeinen sporadischen Kontakt pflege.

Ich werde den klugen Angstmacher Wes Craven also vielleicht nicht als einen mir persönlich vertrauten Menschen vermissen, aber ganz bestimmt als Filmschaffenden, dessen Arbeiten mich seit meiner frühen Kindheit begleiten. Die mich als Knirps mit feuchten Händen in der Videothek haben stehen lassen, vor Bildern dieses merkwürdigen Gruselgesichts mit den Messerfingern. Die mich zu einer Beschäftigung mit dem mir liebsten aller Kinos inspirierten. Die mir den Blick auf Film – und damit auch auf das Leben eröffneten.

Mach’s gut, Wes.

  • wolfgang 1. 9. 2015 an 8:51

    „Furchtbar an Nachrufen ist, dass sie in der Regel schnell geschrieben werden müssen.“

    In der Regel werden Nachrufe schon vor dem Ableben des Verstorbenen geschrieben.

  • Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (07-09-15) 7. 9. 2015 an 17:20

    […] Kollegen sehr rege. Hier die gesammelten Nachrufe auf Wes Craven aus den deutschsprachigen Blogs: Rajko Burchardt auf Fünf Filmfreunde. Andreas Köhnemann auf B-Roll. souli auf Die drei Muscheln. Michael Sennhauser auf Sennhausers […]