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Er ist wieder da (Review)

9. 10. 2015, Batzman (Oliver Lysiak), 6 Kommentare

er ist wieder da

Er ist wieder da ist ein ärgerlicher Film. Er ist auch ein handwerklicher ziemlich schludriger Film und wirkt ähnlich wie David Wnendts „Feuchtgebiete“ gleichzeitig bemüht provokant, wie auch erschreckend unreflektiert und mutlos. Was nur teilweise der Vorlage geschuldet ist. Auch Vermes Buchvorlage war eher grob gestrickt und setzte eher auf simple Lacher, als satirische Auseinandersetzung.

Dennoch: Der Film ist um Welten schlechter, denn auch wenn die Prämisse simpel und hochgradig gezwungen war, hatte Vermes über weite Strecken einen homogene Erzählstimme und schaffte es immer mal wieder die wüsten Ereignisse ein bisschen glaubhafter erscheinen zu lassen.

Der Film hält hingegen alle Zuschauer für Vollidioten, die unfähig sind selbst zu denken. Und Wnendt hat eindeutig zu viel Borat gesehen, dessen Niveau er leider an keiner Stelle erreicht. Viele Szenen setzen auf Street-Comedy und man merkt förmlich, wie sich die Macher hinter der Kamera die Hände reiben. Hui ist das krass, Mann ist das gewagt und oh oh oh wie entlarvend das doch ist, wenn Otto Normalversager in Anwesenheit Hitlers schamlos den Rassisten raushängen lässt.

Dabei erliegt der Regisseur wie schon in Feuchtgebiete der Illusion das alles wäre von Relevanz oder in irgendeiner Weise provokant und neu. Dabei hinkt er der Realität um Lichtjahre hinterher, denn nicht nur hat jedes Satiremagazin von heute Show bis Extra 3 dutzende Beiträge dieser Art gemacht und sogar schon Hitler als Kommentator eingesetzt, der Neonazis abwatscht, nein es reicht ein Blick in Facebook und wir erleben schamlose Rassisten die ihrer Hetze mit Klarnamen Ausdruck verleihen.

Nichts was der Film zu bieten hat in diesen dokumentarischen Szenen ist überraschend, neu, originell oder auch nur krass. Das Ganze könnte ein Schülervideo sein, aber ich habe auf YouTube schon smartere Videos von Schülern gesehen und möchte diese nicht diskreditieren.

Und auch die Inszenierten Szenen (die wenn sie mit Doku-Szenen gemischt werden, tonal völlig herausfallen, wie z.B. der Besuch einer NPD-Zentrale) sind nicht besser. Gute Schauspieler wie Christoph Maria Herbst (der auch die Hörbuch-Version gelesen hat und schaffte dem Hitler dort durchaus einige Nuancen mehr zu verleihen als es der bemühte aber doch im Klischee spielende Oliver Masucci vermag) bleiben blass, weil das Drehbuch holperig durch die Story huddelt ohne sich auch nur für eine Figur wirklich Zeit zu nehmen. Im Buch ist es okay, weil es aus Sicht Hitlers geschrieben ist und seine Sicht auf die Dinge zur alleinigen Sichtweise wird. Doch der Film will ja zwischen peinlichem Klamauk und Haha-Fass-Mal-an-den-Elektrozaun oder Hitler-spielt-mit-Hundeleiche Scherzen irgendwie doch moralisch relevant sein. Und während alle immer auf 11 gedreht spielen und jede Szene uns groß anschreit „Das ist total lustig und schrill und provokant gemeint“, bekommen wir zwischendurch dann wie Kai aus der Kiste die Moralkeule um die Ohren gehauen, weil wir ja alle sowieso zu doof sind zu kapieren was vor sich geht. Und dann wird um zu zeigen wie sehr man den Finger am Puls der Zeit hat, das ausgenudelte Untergangs-Meme nachgespielt. Funny, like 7 Years ago.

Eine Nebenfigur die vorher keine Rolle spielte muss Sendercheffin Katja Riemann plötzlich eine lallende Moralpredigt halten und darf dann wieder verschwinden. Eine jüdische Rentnerin die ihre Angehörigen im KZ verlor muss den Führer dann als Bestie beschreien und das ganz große Drama ausspielen und soll Katalysator dafür sein, dass der von Fabian Busch gespielte Redakteur plötzlich doch die Sinnkrise bekommt und erkennt, dass dieser Hitler kein Imitator und Comedian ist, sondern the real Deal.

Sowas kann funktionieren, wenn es mit Geschick gemacht wird. Wenn Figuren ein Eigenleben und Charakter haben und nicht nur Stichwortgeber sind. Wenn ein Film sich Mühe gibt Ereignisse plausibel zu machen. Zumindest vertraute Vermes im Buch auf die Kraft der Worte und mühte sich die rhetorischen Talente Hitlers und seine demagogische Kraft greifbar zu machen, doch dem Film ist das vielleicht zu uncool oder kompliziert. Er kürzt Hitlers Reden auf ein Minimum und lässt sie dadurch unbedeutend werden, weil ihr Erfolg und ihre provokante Wirkung damit zur Behauptung gerinnt. Es ist eine merkwürdig simplifizierte Welt in der die banale Hitler-Nummer zum Medienereignis und YouTube Hit wird.

Wie in der Kinderlogik-Welt von Die Welle in der Dinge einfach passieren und Schüler nach drei Kniebeugen und einer Runde marschieren zu überzeugten Nazis werden, behauptet auch „Er ist wieder da“ dass so Populismus funktioniert und natürlich würden sich die Deutschen wieder für genau den Hitler begeistern.

Was genau die Zielrichtung der Satire sein soll? Das weiß Vermes nicht und Wnendt erst recht nicht. Hitler ist zur Witzfigur geworden dem Menschen zuwinken, wenn er durch die Stadt läuft. Ho-hum. Was für eine Erkenntnis. Was wollen die Bilder sagen? Jeder der da dokumentarisch gewinkt hat ist ein Nazi, weil er ja dem echten Hitler zuwinkt? War es nicht gerade ein Vorteil, dass Hitler zur Groteskfigur wurde, den niemand mehr ernst nimmt? Und wozu brauch es bei den rechten Idioten dieser Welt einen Hitler, wenn die Leute jedem beliebigen Trottel hinterherlaufen?

Der Film und das Buch verniedlichen die Figur gerade weil sie ihn als Klamaukfigur und als das ultimative, hyperintelligente Böse darstellen und damit auch zum Fetisch erheben. Nicht umsonst muss am Ende die große Moralkeule nochmal ausgepackt werden und Hitler uns sagen: Ihr seid doch alle ich – was vermutlich wieder total provokant und shocking sein soll, aber eigentlich nur Bla ist. Zusammenhänge von dummem Denken, der Willigkeit der Menschen ihren Hass lenken und instrumentalisieren zu lassen und tatsächlicher Manipulation und der Banalität des Bösen – das alles bleibt unberührt von einem Film der mit dem Holzhammer daherkommt und das was er filmisch nicht zu erzählen weiß, einfach aussprechen lässt.

Er ist wieder da ist mutlos, weil er tatsächliche Tiefe scheut und sich nicht besonders guten Taschenspielertricks bedient und sich darauf verlässt, das im inkohärenten Schnittgematsche untergeht, dass er wahnsinnig belanglos ist. Gastauftritte von TV-Persönlichkeiten, You-Tube Stars und Nennung realer Medien, das kann spannend und auch spaßig sein – aber hier wird nie wirklich etwas daraus gemacht. Mehr als „Hihi Hitler ist bei Plasberg“ kommt nicht dabei raus und das der uralt Spruch „Das einzige was Deutsche schockt ist Gewalt an Tieren“ hier benutzt wird um die Mechanik der Medien zu enttarnen, ist nur eine weitere Brachialszene, in Ermangelung von Substanz.

Wie das Buch macht sich der Film über die Dummheit der Medien und des TV-Programms lustig, obwohl er sich doch genau dessen Machweisen bedient und keine Spur schlauer ist als die Idioten-Sendungen die er uns vorführt um zu sagen: „Ja, wirklich peinlich und schlimm dieses Assi-TV“ Um im nächsten Moment auf genau dieselbe primitive Art und Weise Lacher und Emotionen zu provozieren.

Ein Film wie Bob Roberts erzählt streckenweise auch überzeichnet, aber ungleich eleganter den Aufstieg eines Demagogen und weiß genau was ist Ziel und wie Manipulation funktionieren kann. Er muss dazu keinen Alt Diktator aus der Kiste kramen, sondern es reicht einen Wahlkampf zu dokumentieren.

„Er ist wieder da“ ist zu faul seine fragwürdige Holzhammer-These auch nur zu belegen oder dafür zu kämpfen. Er attestiert sich selbst total edgy und vorn dabei zu sein – und dabei wirken die Bilder von Pegida-Demonstrationen die hastig am Ende eingefügt wurden, nur wie das Eingeständnis der Macher, dass sie längst von der Realität überholt wurden.

Würde Hitler tatsächlich zurückkommen, es würde wohl keinen interessieren, denn er ist tatsächlich nur noch eine Witzfigur. Seine Erben sind längst viel weiter und brauchen kein Bürstenbart und lustige Diktion mehr.

  • Patrick B. Rau 10. 10. 2015 an 21:10

    Die Hitlerindustrie brummt…

    Ich warte noch auf „Die lustigen Abenteuer des kleinen Hitlerpinguins“ oder so. Für die lieben Kleinen.

  • Frank 8. 11. 2015 an 2:41

    Ich muss sagen, dass ich das etwas anders sehe mit dem Film (das Buch kenne ich nicht). Ich würde den Film nicht mal als Komödie bezeichnen … und schon gar nicht als ein Fuck ju Göthe. Mir ging es in dem Film eher so, dass ich die erste Hälfte über den Slapstick gelacht habe und im zweiten Teil das Gefühl hatte der Film fragt mich: „Worüber lachst du da eigentlich? Das ist nicht lustig sondern erschreckend!“ Ich finde der Film ist eine Interessante Art sich dem Thema zu nähern.

  • Die schlechtesten Filme 2015 - Die Fünf Filmfreunde 31. 12. 2015 an 10:12

    […] Er ist wieder da […]

  • Lisa 19. 4. 2016 an 14:49

    Der Film ist einer der schlechtesten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe.
    Das passiert, wenn die deutsche Comedy Rige loslegt.
    Schlecht produziert, billger Look, furchtbar dumme Dialoge, unglaubwürdig von vorne
    bis hinten, völlig falsch rangegangen.
    Ich hätte mir für die Verfilmung des Buches eher etwas gewünscht, das ernst gemeint aussieht,
    das dir nicht die ganze Zeit sagen will DAS IST COMEDY. Eher eine Produktion wie
    für Das Parfum oder Ähnliches.
    Hätte man das Buch ernsthaft verfilmt, hätte der Film witzig werden können.

  • Er ist wieder da | Marks Filmblog 31. 5. 2016 an 11:20

    […] Fünf Filmfreunde 2/5 […]

  • Er ist wieder da - David Wnendt - @Smirne76 Gedanken, Schicksal, Filme, Bus & Bahn 5. 6. 2017 an 16:08

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