Features Review

Alles steht Kopf (Review)

11. 10. 2015, Batzman (Oliver Lysiak), 6 Kommentare
Originaltitel: Inside Out, Amy Poehler, Regie Pete Docter, Besetzung: Lewis Black, Phyllis Smith, Bill Hader
  • Batzman
4.5

Kurzfassung

Pixars bester Film in Jahren. Ein absolut sehenswerter Trip in die menschliche Gefühlswelt, der weit mehr bietet als nur gute Unterhaltung.

Es kommt mir so abgeschmackt vor in den Chor jener einzustimmen die sagen „Alles steht Kopf“ ist ein Meisterwerk. Aber es hilft ja nichts, der Film ist einfach wahnsinnig gut gemacht und der beste und originellste Pixar-Film seit vielen Jahren. Denn auch wenn die Qualität des Hauses mit der Lampe immer ordentlich ist, tut es gut nach vielen Sequels auch mal wieder einen eigenständigen Film zu erleben.

Klar: Die Idee das Gehirn als Schaltzentrale darzustellen und Teile des Körpers zu vermenschlichen ist nicht neu und wurde schon von Woody allen in „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ witzig umgesetzt, wenn Woody als Spermium Angst vor dem Orgasmus hat. Otto Waalkes hat uns erklärt wie der Körper mit Alkohol umgeht (Milz an Großhirn…) und in Osmosis Jones wurden Blutzellen zu Helden in Bill Murrays dahinsiechendem Körper.

Doch was Inside Out unterscheidet ist, dass es hier um mehr als den Gag geht. Die anthropomorphisierten Gefühle helfen zu verstehen, wie schwierig Emotionen zu kontrollieren sind. Wenn das kleine Mädchen Riley durch eine drastische Veränderung ihres Umfelds in eine Traurigkeitsphase rutscht und sich nicht mehr im Griff hat, dann kann sich wohl jeder darin wiedererkennen der auch schon einmal im Banne einer Emotion hing. Ob Liebe, Hass, Liebeskummer, Hass oder Angst – Gefühle sind oft genug irreal und entwinden der kühlen Ratio die Steuergewalt über uns handeln. Wir machen Dinge die dumm sind, wir laufen sehenden Auges ins Unglück, wir verletzen andere und fürchten uns vor albernen Dingen. Gefühle beherrschen uns und oft genug dauert es, bis wir die Kontrolle wieder erlangen und es schaffen sie zu bändigen. Die positiven wie negativen – sie sind ein Teil von uns.

Und Pixar findet phantastische Bilder für diesen Tumult im Kopf. Seien es Erinnerungen die zwischen banal und persönlichkeitsbestimmend pendeln oder den Umgang mit kindlichen Verhaltensweisen. Die Reise die Joy und Sadness (im deutschen eher unglücklich verharmlosend übersetzt mit Kummer) machen bietet unzählige Anknüpfungspunkte um nicht nur über normale Gefühle sondern auch über die Funktionsweise von Depressionen nachzudenken. Denn mag Traurigkeit ein wichtiges und normales Gefühl, dass wir im Leben brauchen: Depression ist eine Krankheit, die den Erkrankten schwerst einschränkt und die Wahrnehmung derart beschneidet, dass die normalerweise heilende, wichtige Kraft der Traurigkeit, die es ermöglicht negative Erlebnisse zu verarbeiten ausgeschlossen und aus der Schaltzentrale verbannt wird. Solange Joy und Sadness keine Macht mehr haben, rutscht Riley mehr und mehr in etwas das sich verdammt nach Depression anfühlt.

Und das macht „Alles steht Kopf“ streckenweise durchaus hart anzuschauen, denn so originell die optische Umsetzung ist, so genial zum Beispiel abstraktes Denken illustriert wird, so düster ist der Unterton der der Geschichte zu Grunde liegt. Mir fiel oft genug das Lachen schwer, nicht weil ich den Film nicht mochte, sondern weil er einfach viel zu nah dran war, an dem Gefühl in einer depressiven Phase zu stecken und nicht herauszufinden. Mag auch das Ende, die aufkommende Pubertät Rileys als Witz gespielt werden, dahinter steckt auch eine düstere Aussicht auf die Zukunft, denn wenn schon ein Umzug bei Riley derartige Abgründe öffnet, wagt man kaum daran zu denken, wie der erste echt Liebeskummer sich bei ihr auswirkt wenn dann noch die pubertären Gefühlsschwankungen dazu kommen, die nicht mal eines konkreten Auslösers bedürfen.

Pixars größter Erfolg dürfte aber wohl sein, dass sie es schaffen altersübergreifend Denkanstöße zu geben mit diesem Film. Kindern wie Erwachsenen Symbolbilder an die Hand zu geben, die es ihnen erleichtern über Gefühle zu reden und auch mit Krisen umzugehen. Das ist kein geringes Verdienst: Ein Mainstream-Unterhaltungsfilms, der quietschbunt und oberflächlich albern daher kommt. Was Pixar mit den ersten 10min von „Oben“ gelungen ist, haben sie hier erstmals auch in Spielfilmlänge erreicht. Inside Out erreicht unsere Gefühle – ohne sich dabei in Kitsch und billige Nostalgie zu flüchten.

Das macht es umso deprimierender, wenn er in Deutschland gegen Fack ju Göhte 2 und die Minions verlieren wird….

  • franziska-t 11. 10. 2015 an 16:35

    Mir hat der Film sehr gut gefallen und ich kann nicht verstehen, warum es Pessimisten gibt, die in ALLES STEHT KOPF das Ende des freien Willens lesen. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und der Film hat viele gelbe Kugeln in meiner Schaltzentrale produziert. Es ist ein unglaublich komplexes Thema, dass auf ein Mindestmaß heruntergebrochen wurde ohne zu übertrieben kompliziert oder zu weichgespült zu werden. Genau das richtige Maß. Definitiv ein starker Anwärter auf den Oscar für den besten Animationsfilm.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2015/10/07/inside-out-3d-o-2015/
    Oder hier als Kurzkritik: https://de.krittiq.com/review/_yypE-alles-steht-kopf

  • Vielspürer 12. 10. 2015 an 11:52

    Hab den Film gestern mit meinen Kindern gesehen: Während meine Kinder den Film gut bis „geht so“ (-> „weil traurig“) beurteilten, war ich hin- und hergerissen. Einerseits begeistert, weil hier zum ersten Mal sieht gefühlten Jahrzehnten eine neues Thema gespielt wird, andererseits von dem visuellen Konzept und einiger als arge Längen empfundene Stellen etwas enttäuscht.

    Das Design der Charaktere und der Welt, in der sie sich bewegen ist z.Tl. Geschmacksache, aber über reine Geschmacksfragen hinaus fand ich gewisse Aspekte einfach nicht stimmig. Rein optische Attribute, wie die unausgegorene Darstellung von Oberflächen/Texturen (von Trickfilm weich (Joy) bis hyperrealistisch (BingBong) oder auch ein nicht konsequenter Animationstil (Der wohl schrägste Character „Sicherheit“ ist extrem „looney“ oder „Slapstickig“ animiert und bricht förmlich aus dem eher generisch daherkommenden Rest heraus. (Die unterschiedliche Behandlung von Charakteren in ihrer Animation, besonders der Comic Reliefs, scheint arg in Mode zu kommen).
    Auch die Kreation des „Gehirns“ in allen seine Aspekten konnte sich nicht so recht zwischen Abstraktion und Standard-3D-Baukasten entscheiden – Die sehr geniale Szene im abstrakten Denken war ein Fingerzeig was alles möglich ist, leider stand sie ziemlich alleine da.

    Toll bleibt aber die Idee des Films, und als Vater, dessen Kinder so manche sog. „Selbstwahrnehmungskurse“ durchlaufen haben, kann ich den pädagogischen Gehalt wirklich wertschätzen. Bei allem Spass werden Kinder über ihre Gefühlswelt aufgeklärt und das sicher nicht schlechter als die stets tigerentig-daherkommende Literatur die die Kindergärten dafür bereithalten.
    (Ich hatte vorab keine Ahnung worum es in dem Film geht und nachdem ich das Setting so ungefähr verstanden hatte, fragte ich mich kurz ob es tatsächlich um die Pubertät gehen wird – was ich sehr mutig und auch höchst spannend gefunden hätte – wobei so ein Film dann vermutlich nicht die nötige „Familien-Altersfreigabe bekommen würde – vielleicht in einem Sequel?).

  • Binding 12. 10. 2015 an 13:28

    Ich finde den Film auch äußerst kreativ und gelungen. Trotzdem war er mir zu kindisch bzw. zu sehr auf Kids zugeschnitten. Was hätte man da noch alles draus machen können – und wie genial wäre das Ganze erst aus Erwachsenen-Sicht gewesen? Aber das wäre dann vermutlich nur mit FSK 18 gegangen. ;-)

  • Thommy 14. 10. 2015 an 18:28

    Gute Rezension,
    Viele Rezensionen hier sind gut,
    Eigentlich.

    Denn was fehlt ist schlicht ein Mensch, der die Texte (einige, nicht alle, diesen aber in besonderem Maße) Korrektur liest.

    Mich nervt das wirklich beim lesen eurer hervorragenden Kritiken immer wieder über Rechtschreibfehler und in die Irre führenden Satzbau zu stolpern. – Da wird schlicht Potential verschenkt.

  • Michael 15. 10. 2015 an 8:12

    Ich fand den Film besch…
    Was hätte man da für Gags einbauen können! Geht es nur mir so oder waren die einzigen Lacher bei den Gags im Abspann. Bis aud den Running Gag mit dem Jingle hat im ganzen Kino keiner gelacht. Ich für meinen Teil gehe in einen Pixar-Film, um Spaß zu haben, aber dieser Film ist eher was für die Schulvorführung in Biologie: Wie funktioniert mein Gehirn. Es ist mir absolut unverständlich, warum sich die Macher auf das Innere des Mädchens beschränkt haben, anstatt die im Trailer angedeutete Möglichkeit zu nutzen, auch in die Köpfe der Eltern und weiteren Mitwirkenden zu sehen. So ist das alles sehr öde und „Kummer“-voll und zieht sich in die Länge.
    Abgesehen davon war die eingedeutschte Lied-Stimme im Vorfilm so ziemlich die übelste Übersetzung eines Lieds die ich jemals in einem Kino erlebt habe. und: Was wollte uns der Vulkan-Liebesschnulzen-Dingens sagen? Hatten die einfach zu viel aus dem Hauptfilm geschnitten und mussten mit irgendwas auffüllen?

    • El Nico 17. 11. 2015 an 13:07

      Ich weiß nicht, welchen Film du gesehen hast, aber verschiedene Blenden in die Köpfe der Eltern gab es ja durchaus. Mir hat das als Andeutung auch vollkommen gereicht, wenn man verstanden hat, wie diese konzipiert waren. Ich fand es höchst spannend, dass Anger/Wut die dominierende Emotion im Kopf des Vaters war, wo er doch größtenteils so liebevoll und einfühlsam agiert. Es stimmt, das hätte noch etwas weiter ausgearbeitet werden können, auch weil der Beginn dieser Sequenz auch für meinen Geschmack etwas zu klischeehaft eröffnet wurde (alle Emotionen sitzen im Kopf auf der Couch und fiebern bei einer Sportübertragung mit..nein, als solch eine Person wird der Vater eigentlich nicht charakterisiert, aber ist halt ein schöner Gag), und man sicher gern erfahren hätte, wie jemand mit Wut als dominierender Emotion sich so herzig und herzlich verhält – aber im Endeffekt ist doch genau das auch eine gute Frage, über die man sich nach dem Film Gedanken machen oder mit Anderen erörtern kann.
      Und wenn du es „Kummer“-voll nennst, dann hast du nicht verstanden, dass der Film eigentlich eher eine Depression bzw. depressive Episode darstellt, in der es eben nicht einmal Kummer/Traurigkeit gibt, sondern im großen und ganzen ein Gefühl der emotionalen Leere und Dumpfheit – eben dem Gefühl, dass etwas fehlt, das Riley in diesem Fall mit einer Flucht in eine alte Umgebung aufzufüllen versucht.
      Nein, das ist kein heiterer Pixar-Film à la Findet Nemo, der zwar sympathisch, witzig und liebevoll, mit herrlich klischeehaft gezeichneten Charakteren ist, aber im Endeffekt vollkommen vorhersehbar – das darf auch gerne deinem Geschmack widersprechen, aber ich für meinen Teil finde es super, dass Pixar sich mit diesem Film aus der Gag-Ecke heraus getraut und etwas ernsthaft-liebevoll-melancholisches herausgebracht hat.

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