Features Review

Der Marsianer – Rettet Mark Watney (Review)

11. 10. 2015, Batzman (Oliver Lysiak), 10 Kommentare
Originaltitel: Der Marsianer, Regie: Ridley Scott, Darsteller: Matt Damon, Donald Glover, Sean Bean, Kartoffeln
  • Batzman
3

Kurzfassung

Optisch ansprechender, erfreulich wissenschaftsfreundlicher SciFi-Film, mit guter Besetzung, der leider viele Schwächen seiner Buchvorlage übernimmt.

Ridley Scott liefert hier eine überaus gelungene Buchverfilmung ab. In schönen Bildern und guter Besetzung erzählt er die brav bebilderte Version von The Martian. Matt Damon ist eine gute Wahl für die Hauptrolle, da er eine gewisse Grundsympathie einfordert und es wie Welpen treten daherkäme, würde man seinen Mark Watney nicht mögen.

Das Problem ist leider: Schon die Buchvorlage ist nicht gerade ein Meisterwerk und zieht sich über weite Strecken wie Käsefondue. Gut ein Drittel des Buches drehen sich um Kartoffelzucht, was den Einstieg in das Buch nicht gerade erleichtert und egal wie akkurat die Wissenschaft des Buches sein mag: Es ist strunzenlangweilig die xte Berechnungsratio von Erde zu Kartoffelertrag zu lesen. Der Film kürzt das dankenswerter Weise deutlich ein und fängt auch deutlich früher als das Buch an, die Geschehnisse auf der Erde mit zu erzählen. Das ist eine kluge Entscheidung, wie auch die meisten anderen Änderungen im Vergleich zur Vorlage vernünftig erscheinen. Der Marsianer im Kino kommt schneller zur Sache, was allerdings nichts daran ändert, dass die Dramatik oft genauso durchhängt, weil Watney als derart cooler Dude dargestellt wird, dass es schwerfällt wirklich je um sein Leben zu fürchten. Wir wissen, dass er überleben wird, weil es sonst keinen Film gäbe – aber selbst unter dieser Prämisse wäre es vielleicht möglich gewesen, ihn etwas bedrohter erscheinen zu lassen. Ridley Scott verlässt sich, wie auch das Buch, zu sehr auf die intellektuell zugängliche Bedrohung. Es mag ja auch in der Theorie ein Horrorszenario sein auf einem anderen Planeten alleine leben zu müssen, doch wirklich spürbar wird das nur in wenigen Momenten.

Es fehlt das unmittelbare, das nachfühlbare, die konkrete tödliche Bedrohung statt der intellektuell Abstrakten. Denn die meiste Zeit läuft es für Watney einfach zu rund, zu super und das Hohe Loblied auf Wissenschaft, Forschergeist und Durchhaltewillen dröhnt so unablässig, dass für Spannung und Charaktere keine Zeit bleibt. Buch wie Film wollen als Verbeugung vor der Raumfahrt, als Werbung für die NASA und generell als PR für die Kraft der Wissenschaft verstanden wissen – was ich grundsätzlich sehr begrüße und ich hab auch gar nichts dagegen, wenn der Film versucht die NASA in der Bevölkerung wieder populär zu machen.

Leider vergisst er darüber menschliche, komplexe Figuren zu erschaffen. Und wenn ich in einem Film der sich im Wesentlichen um einen Mann auf einem Planeten dreht weder über den Mann noch den Planeten irgendetwas erfahre, dann ist das ein ziemliches Armutszeugnis. Ja Matt Damon ist grundsympathisch und klopft ein paar lustige Sprüche. Aber am Ende vom Film wissen wir über ihn trotzdem nur, dass er Botaniker ist und Discomusik hasst. Und über den Mars das er dort rot und windig ist. Dabei geht es mir nicht darum, das der Film ständig die Wissenschaft abfeiert, aber alle etwas komplexere Vorgänge auf das Niveau von Meine Kleine Fibel runterdummt und durch peinliche Sprüche wie „I’m going to science the shit out of this.“ ersetzt. Es geht darum, dass Mark als Person nicht existiert. Er ist eine Schachbrettfigur, ein Stehaufmännchen mit all der Persönlichkeit einer Actionfigur.

Und auch die anderen Figuren sind nicht existent jenseits des Charmes ihrer Darsteller und spätestens wenn Donald Glover in einer Klamaukszene dem Chef der NASA einen Rettungsvorschlag als Bauerntheater vorspielt und Sean Bean Mittelpunkt eines ewig ausgewalzten Herr der Ringe Gags wird, gleitet der Film in die unfreiwillige Selbstparodie, die es schwer fallen lässt, diese Experten noch wirklich ernst zu nehmen. Ja Nerds sind nerdig und haben Humor – aber das was Scott hier vorführt ist Nerdverständnis auf dem Niveau der Big Bang Theory.

Und spätestens wenn die rund 12min Funkverzögerung zwischen Mars, Erde und Raumschiff der Dramaturgie zuliebe außer Kraft gesetzt wird und die Menschen am Time Square mitjubeln und sich die Figuren live im Chat unterhalten, dann wissen wir, dass auch die Wissenschaft hier nicht ernster genommen wird als in einer Sitcom.

Es bleibt ein netter NASA-Werbefilm mit guter Besetzung und hehren Intentionen, der es schafft einige, aber nicht alle Schwächen der Buchvorlage zu kompensieren und der es trotz der tollen Darsteller und des für Ridley Scott typischen tollen Looks nicht schaffte mich wirklich mitfiebern zu lassen.

Still, much much better than Interstellar or Gravity.

  • dingens 11. 10. 2015 an 13:41

    Schöner Fall von „Der Kritiker gehört nicht zur angesprochenen Zielgruppe“
    Ich (und jede Menge anderer Nerds) hab mich bei dem Buch amüsiert wie Bolle und dabei immer mit einem Grinsen daran gedacht, wie unlesbar dieses Buch für viele Leser sein wird. Viel zu viel technische Details, viel zu wenig Zwischenmenschliches und größtenteils ähnlich wie ein Blog geschrieben. Das Buch hat genauso wenig den Anspruch, allen gefallen zu wollen wie Filme wie „Dredd“ oder „Mad Max“ . Ich mag diese Kompromisslosigkeit.

  • Batzman (Oliver Lysiak) 11. 10. 2015 an 14:29

    @dingens Dredd und Mad Max sind ein anderer Fall. Die sind eigensinnig, verfolgen ihre Vision und sind dabei trotzdem noch extrem originell und unterhaltsam. Dem Marsianer tropft seine Bemühtheit aus allen Poren. Er präsentiert sein anrecherchiertes Wissen nicht souverän im Dienste der Geschichte sondern rennt damit prahlerisch über den Schulhof und holt sich einen drauf runter, wie brav er seine Hausaufgaben gemacht hat. Das ist kein gutes Storytelling sondern Fanservice und Referenzgepose – eine gute Geschichte muß in Mittelpunkt stehen, dann kann man gerne auch Techbabble einfügen – wovor sich der Film ja sehr scheut, er erklärt ja absichtlich alles für Doofe.

  • BL 11. 10. 2015 an 15:57

    Dingens, das Buch war für viele allein deshalb unlesbar, weil der Autor nicht schreiben kann. Das gilt für die Sprache und die Inszenierung. Obwohl man das im Film gut bereinigt hat, schlägt es bei den Figuren noch durch, und Spannung entsteht eben allein durch Emotionen. Die wurde nicht zugunsten von Wissenschaft aufgegeben, die wie in allen anderen Filmen nur Tapete ist.

    Bei einem Marssturm bleibt man einfach stehen, und eine Raumkapsel kann ein solcher Sturm schon gar nicht umwerfen (die Plastikfolie an der Tür könnte dagegen dem Innendruck nicht standhalten). Die Prämisse steht also auf wackeligen Füßen!

    Dann reisen die anderen auch noch irrwitzigerweise mit Mopsgeschwindig zur Erde zurück. Selbst wenn das ginge, wäre es ein Verhalten, das mich später an ihrem Wunsch zweifeln lässt, zum Mars zurückzukehren (was natürlich auch nicht geht. Die ganze Prämisse ist also so windig wie in Nolan-Filmen, wo die Menschheit die Erde wegen Sans aufgibt, damit Anne Hathaway am Ende auf einem noch sandigeren Planeten am Lagerfeuer sitzt.

    Über den Mars erfährt man leider auch nichts, was nicht schon in anderen Marsfilmen besser gezeigt worden ist. Es gab zwar schöne Bilder, aber insgesamt zieht der Film wie ein Bildschirmschoner an einem vorbei.

  • slowcar 11. 10. 2015 an 16:38

    Die Zeitverzögerung wurde nicht ausser Kraft gesetzt, die Missionsmeldungen und Funksprüche werden halt auf der Erde ausgestrahlt – 12 min nachdem sie passiert sind.

    Die Charakterentwicklungen hätten deutlich besser sein können, aber insgesamt haben mir sowohl Buch als auch Film sehr gut gefallen.

  • Denny 12. 10. 2015 an 8:02

    Das Buch gefiel mir im ersten Drittel sehr gut, wurde dann aber schnell öde (Problem – Lösung – neues Problem – neue Lösung – etc.). Nach dem zweiten Drittel habe ich aufgehört damit meine Zeit zu verschwenden. Das Schicksal von Mark Watney war mir egal, was auch einiges über die Charakterzeichnung des Autors aussagt. Zuviel andere Bücher warteten auf mich.

    Den Film wollte ich trotzdem unbedingt sehen, da ich Ridley Scott sehr mag. Und grundsätzlich fühlte ich mich auch über die gesamte Distanz sehr gut unterhalten, auch wenn ich die von Batzmann angesprochenen Bedenken teile – zu wenig Tiefgang, wieder keine Charakterentwicklung, zuviel alberner Klamauk. Trotzdem gefällt mir der Film, da er sehr ästhetisch daherkommt und gerade in 3D optisch beeindruckt.

    Und hey: Gravity war großartig! :)

  • MrBrown 12. 10. 2015 an 15:28

    Das ist jetzt schon die zweite Kritik die ich lese, in der die zeitweise scheinbar außer Kraft gesetzte Zeitverzögerung kritisiert wird. Ich verstehe diesen Vorwurf absolut nicht. Hätte z.B. in den Chat Szenen nach jedem Satz ein „12 minutes later…“ Untertitel eingeblendet werden sollen oder was?! Dass die Verzögerung vorhanden ist wurde ausreichend erklärt und es finden auch keine Handlungen statt die diesem physikalischen Gesetz irgendwie widersprechen. Wo ist also das Problem?

  • Turtle 19. 10. 2015 an 19:46

    Die Kritik bringt valide Punkte und ich war anfangs auch auch etwas gespalten in meiner Einschätzung. Aber nach 2 Tagen drüber nachdenken, finde ich den Film im Großen und Ganzen doch gelungen (ich habe das Buch nicht gelesen). Was mich am meisten überzeugt, war die Tatsache, dass hier tatsächlich mal ein Wissenschaftler auch Wissenschaftler sein durfte. Und es hat mich sehr gefreut einen Astronauten zu sehen, der bei Problemen besonnen agiert und ohne psyschiche Instabilitäten in den Weltraum geschickt wurde (siehe Gravity als Gegenpol dazu). In Summe ist das ein Film für Nerds, möglicherweise von Nerds. Mein Wissenschaftlerherz war über weite Strecken sehr angetan, auch wenn mein Filmfanherz die dramaturgischen Schwächen durchaus sieht. Es war auf jeden Fall gute Unterhaltung für einen Samstagabend.

    • Nicolas 17. 11. 2015 an 13:16

      In Allgemeinen kann ich dir nur zustimmen. Die Kritik ist zu hälftig, wenn ihr ein Drama sehen wollt dann schaut euch ein Drama an und kein Science Fiction Film an. An manchen stellen wurde der Film übertrieben, aber in allgemeinen war er ganz unterhaltsam und ein Kinobesuch hat sich auf jedem Fall ausgezahlt.
      Btw. Interstellar fand ich besser

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    Ich fand den Film sehr gut. Mein Sohn und ich haben beide das Buch begeistert gelesen und wollten der übrigen Familie die Geschichte einfach zeigen. Was mittlerweile klar ist, dass der Regisseur bei der Verfilmung von der Buch etwas lösen muss, das fand ich aber in diesem Fall völlig in Ordnung. Absolute Empfehlungan jeden, diesen Film zu schauen!

    LG Ben

  • Daidi 6. 1. 2016 an 23:00

    hi ho,
    hab mir den film mit freunden gestern zusammen angesehen und wir waren alle total begeistert. super umgesetzt und man konnte super mit Mark mitfiebern.
    würde den film aufjedenfall empfehlen :)

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