Features Review

Die Tribute von Panem – Mockingjay 2 (Review)

6. 11. 2015, Nilz N Burger, 4 Kommentare
Originaltitel: The Hunger Games - Mockingjay Part 2, Regie: Francis Lawrence, Buch: Danny Strong, Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutchinson, Julianne Moore, Donald Sutherland...
  • Nilz N Burger
  • Batzman
2

Kurzfassung

Endlich das große Finale – und dann macht es seine Hauptfigur so klein.

Geschafft. Vorbei ist die Jagd nach Gerechtigkeit, endlich ein Ende des Schreckens, endlich werden die Paneser (?) befreit. Oder kann so ein Land niemals frei sein? Ist Freiheit eine Illusion? Wie sehr korrumpiert Macht? Und ist Katniss „Mockingjay“ Everdeen nicht nur ein Spielball von denen da oben?

Die Fäden laufen zusammen und der letzte Teil im Jugendbuch-Franchise versucht alle offen gebliebenen Fragen zu beantworten. Vielleicht sogar Fragen, die niemand gestellt hätte. Und es stellt sich das Gefühl ein, dass der Verlauf von Jennifer Lawrence Karriere diametral zu ihrer Lust, Katniss zu spielen verlief.

SPOILER AHEAD

Die Frage ist, was soll man an diesem Film groß spoilern? Jeder Mensch, der die Vorgänger gesehen hat (und warum sollte man mit dem allerletzten Teil einsteigen?), weiß worauf die ganze Geschichte hinaus läuft und geht nur noch ins Kino, um die Erwartungen abzuhaken. Revolte? Check. Schiesserei? Check. Das Böse ist nicht böser als das gute Böse? Check. Wen es im Kino stört, überrascht zu werden, der ist hier genau richtig.

Ich fand ja den Vorgänger noch toll, hab ohne Ende Leute ins Kino geschleppt und gemeint, wie spannend ich den Film fand, wie gut der mich unterhalten hat. Mockingjay Teil Eins hatte eine ebenso bedrohliche wie Aufbruch-Athmosphäre und das hat ihn wohl so aufregend gemacht. Ich hab gleichzeitig verstanden, dass der Kampf geführt werden muss, auch wenn es aussichtslos erschien. Dazu diese perfide Geschichte mit Peeta, dem Ehemann von Katniss, der gegen sie aufgehetzt wurde – Gehirnwäschestyle. Getragen von einem Cast mit so unglaublich tollen Darstellern wie eben Jennifer Lawrence, aber auch Woody Harrelson, Stanley Tucci, Julianne Moore oder (der im jetzgen Teil in ein paar Szenen nachträglich reingekeyte und schwer auf dieser Welt fehlende) Philip Seymour Hoffman. Da war Spannung in der Bude, da waren an allen Ecken und Enden Konflikte, die es zu bewältigen gab und am Ende stand eine gereifte Katniss, die endlich wusste, was sie zu tun hat und die vor Selbstbewusstsein nur so strotzte. Und sich nicht mehr als Propaganda-Material vor irgendeinen Karren spannen lassen wollte.

Danach schien man im Writers Room der Filmreihe gesagt zu haben: „Fuck, die Figur ist viel zu stark, dass ist ja eine Heldin. Wir müssen die wieder runterfahren.“ Und so startete man dann in den zweiten Teil des Finales.

Katniss ist wieder zu 95 % Verunsicherung und zu 5 % Tatendrang. In diesem Film passiert ihr alles nur. Nichts lässt man diese Figur selber machen. Alles um sie herum ist glücklicher oder unglücklicher Zufall, wie es die Geschichte eben gerade braucht. Sie läuft überall mit, wo man ihr mitzulaufen befiehlt, auch wenn sie es doof findet. Grosszügig interpretiert mag man da manchmal Widerwillen in ihrem Gesicht lesen, aber die meiste Zeit scheint es doch eher teenagerige Trägheit zu sein. Insofern ja doch wieder ganz gut an die eigentliche Zielgruppe angepasst. Aber die Passivität dieser angeblichen Heldin, die andauernd von den Autoren zurück- und aufgehalten wird, macht mich unheimlich aggressiv. Die Art und Weise, wie die Rebellion sie als Propaganda-Tool geradezu missbraucht, ist so ekelhaft, dass es kracht, trotzdem lässt sie alles über sich ergehen. Egal wie sehr man sie demütigt.

Und alleine in diesem Film wacht sie dreimal wieder im Krankenhaus auf und muss sich ab da wieder mehr oder weniger alles neu und alleine erarbeiten. Wie in einem Videospiel ohne Speicherpunkte. Es scheint jedes Mal eine schreiberische Paniklösung zu sein: „Oh, verdammt, wir müssten unsere Heldin jetzt handeln lassen…lass sie schnell im Krankenhaus aufwachen!“. Getoppt vom schlaffsten Showdown aller Zeiten.

Katniss als das neue Rolemodel, was „starke Frauen“ betrifft, ist der allergrößte Witz des Jahrtausends. Eine passive Figur, die immer auf Rat und Tat der 37 Männer um sie herum angewiesen ist, ist nun mal das Gegenteil einer selbstständigen Frau. Und wenn ganz am Ende, als letzte Szene, Katniss auf einer grünen Wiese mit ihrem Mann, dem Kind und dem Neugeborenen sitzt, als ultimative Erfüllung ihres Kampfes, mit Weichzeichner und luftigem Sommerkleid, dann möchte man einen brennenden Pfeil in die Leinwand schießen, vor so viel rückwärtsgewandheit, so einem schlimmen 50er Jahre Frauenbild, in dem die Frau am besten als Gebärmaschine und Hausfrau galt. Und man fragt sich, ob man sich jetzt wirklich diese vier Filme angesehen hat, diese Heldin bei ihrem Kampf beobachtet hat, um das nun als Einlösung eines Versprechens zu bekommen. Klar, wir kennen alle cheesy Enden (Herr der Ringe anyone?) und es ist auch nicht so wild, wenn etwas sehr Hollywoodesque melodramatisch-kitschig endet. Aber hier schwingt eine Vorstellung mit, die dem Mockingbird die Flügel stutzt – denn sie ist ja nur eine Frau. Das ist gruselig bis schmierig.

Meine Teenager-Tochter fand den Film sehr cool, letztenendes ist sie die Zielgruppe. Aber ich als Erziehungsberechtigter muss nun wieder erklären, dass ihr Lebensziel nicht sein muss, so früh wie möglich zu heiraten und ab dann nur noch für den Ehemann und sein Glück zu leben. Gut, die Gefahr gäbe es bei meinem Kind wohl eher weniger. Die ist nämlich cooler, stärker und schlauer, als alle Katnisses dieser Welt zusammen.

Und so möchte ich rufen, falls sich hier Panem-Fans einfinden, die ihren Film zu Unrecht kritisiert sehen: Werdet nicht so! Werdet keine Katniss! Bleibt selbstständig! Bleibt frei! Ihr müsst nicht alles für euren Peeta tun, sondern für euch!

Batzman meint:

Full Disclosere up front: Ich kenne die Bücher nicht und beurteile die Filme auch nur nach dem was sie zeigen. Und ich fand die ersten beiden Teile eher schwach, der vorletzte war hingegen eine deutliche Verbesserung.

Als jemand der der Hunger Games-Reihe sowenig Enthusiasmus entgegenbringt, ist es natürlich schwieriger sich beim Finale dann wirklich emotional noch groß zu involvieren. Klar, die Filme sind deutlich besser als Reißbrett-Quak wie Maze Runner oder die Divergent-Filme. Aber gleichzeitig schaffen sie es trotzdem nicht, mich wirklich an Bord zu holen, was die Hauptfiguren angeht. Denn Katniss, die in Mockingjay Part 1 endlich mal ein paar Ecken und Kanten und sowas wie einen Charakter bekam, ist im Finale wieder größtenteils überflüssig. Die spannenden politischen Wendungen und Aussagen, was Propaganda und Gegenpropaganda, Medienmacht und Instrumentalisierung angehen sind zwar noch vorhanden, werden aber nie tiefer ausgelotet. Und auch Actiomässig hat der Film bis auf die Momente die im Trailer zu sehen sind, leider nicht so viel zu bieten.

Was mich jedoch wirklich am nachhaltigsten verstört ist, dass Katniss und die Truppe in der sie brav mitmarschiert, für den eigentlichen Ausgang des Films so gut wie keine Rolle spielt. Klar Harry Potter war auch oft eine Figur der etwas passierte, aber je weiter die Reihe voranschritt, desto mehr Initiative hat er auch ergriffen. Über Katniss lässt sich bis zum Ende kaum mehr sagen als: Es wurde eine Revolution gestartet und eine Regierung gestürzt. Und Katniss war auch dabei.

Ja sie macht ja eine Menge durch, ist sicher auch alles eher unangenehm, aber letztlich ist sie doch immer nur Schachfigur der verschiedenen Interessengruppen. Ob Snow, Coin oder Plutarch Heavensbee und schafft es bis zum Ende nicht sich wirkklich zu emanzipieren. Denn selbst wenn sie am Ende statt Snow Coin umbringt, wird uns das als von Plutarch geplant verkauft. Was gerede in diesem Film etwas awkward wirkt, denn nach dem Tod von Philip Seymour Hoffman tun sich die Macher sichtbar schwer ihn trotzdem durch den Film präsent zu halten und viele Szenen in denen er zu sehen ist, lassen deutlich erkennen, dass er aus anderem Material eingefügt wurde. Das Woody Harrelson im Finale dann als Stand-In für Hoffman einspringen muß, wirkt leider auch eher holperig gelöst. Aber man möchte auch nicht in der Haut derjenigen stecken, die dieses Problem irgendwie lösen mussten.

Viel schlimmer ist in der Tat die Egalheit der ganzen Mission. Ja, offiziell ist unsere Truppe um Katniss, Gale und Peeta zwar unterwegs um Snow zu töten, aber was sie letztlich machen ist Wassertreten und uns von der eigentlichen Schlacht ums Capitol fern zu halten. Denn als Nachhut dürfen sie zwar ein, zwei neckische Fallen auslösen und Stellvertretertode kassieren, aber so richtig viel haben sie mit dem Erfolg der Rebellion nicht zu tun. Und ob diese Gollums-Enkel-greifen-an-Szene in der Kanalisation jetzt wirklich notwendig war und nicht nur eine Methode das Publikum wieder aufzuwecken, sei mal dahingestellt. Es ist auch ein bißchen traurig, wie oft in verschiedenen Variationen nicht die Revolution sondern die Dreiecks-Love-Story zwischen Katniss, Peeta und Gale diskutiert wird. Denn auch wenn sich Josh Hutcherson sichtlich anstrengt, zwischen ihm und Jennifer Lawrence ist genauso wenig echte Chemie, wie zwischen ihr und dem Bruder von Thor. Lawrence wirkt zudem sehr ermüdet und gelangweilt von der Rolle, die ihr ja generell selten mehr abverlangt hat als leicht muffig zu gucken. Und spätestens wenn Gale und Peeta die Zeltszene aus Twilight nachstellen, hat der Film ein Level Selbstparodie erreicht, das es schwer macht die persönlichen Beziehungen noch irgendwie ernst zu nehmen.

Vielleicht würden diese Momente besser funktioniere, hätte man nicht ständig das Gefühl dass irgendwelche Nebenfiguren deutlich interessanter sind als die Hauptakteure. Neben den überzeugenden Performances von Sutherland, Moore, Harrelson oder Tucci – fast jede Figur die kurz auftaucht schafft es interessanter und energischer zu wirken als Katniss,Peeta und Gale. Ob die anderen Frauen in Katniss-Sondertruppe oder ein Mädchen das ihr im Krankenhaus begegnet, es ist wie in Catching Fire wo die Hauptfiguren immer die langweiligsten Teile im Bild sind. Immer dachte ich, warum kann ich die Abenteuer nicht mit ihnen erleben, warum besteht der Film darauf, dass ich mit diesen größtenteils haltungslosen Pappnasen weiterziehen muss. Ja, die Hunger Games Filme haben ihre Stärken und ihre toll gespielten Szenen – aber selten geht es dabei um die angeblichen Helden.

Wenn am Ende dann noch aus dem Nichts heraus nochmal Primrose McGuffin geopfert wird, schließt sich der Kreis der simplen Motivationen, denn Katniss Schwester war ja nie auch nur annähernd mehr als eine Karotte die dem Publikum hingehalten wurde, damit es losläuft.

Es bleibt zum Schluss ein handwerklich ordentlicher Film, der ein paar hübsche Bilder hat, ein paar gute Momente, eine Menge talentierter Schauspieler und ein bißchen Ambition, der ihn von anderem Young-Adult-Mist abhebt. Doch spätestens, wenn Katniss im schlimmsten Moment der ganzen Reihe ihr Happy-End-im-Auenland erlebt, fragte ich mich doch, ob die Serie den ganzen Aufwand wert war, um DIESE Story zu erzählen. Denn aus den Ideen die die Reihe ja absolut hat, hätte sich so oft, so viel mehr machen lassen.

  • Corinne 7. 11. 2015 an 17:47

    Hallo Nilz N Burger
    Deine Kritik an Mockingjay Part2 lässt zwangsläufig die Frage aufkommen, ob Sie die Bücher der Hunger Games-Triologie gelesen haben – offenbar nicht! Das Unverständnis darüber, dass die Heldin (zu) viel über sich ergehen lässt – sich für „die Sache“ (miss) brauchen lässt – kann ich ja noch gelten lassen, aber dass mit dem Frauenbild!??? Der Krieg ist ja schliesslich dann zu Ende und Katniss ist (wie alle) darüber froh und kann sich nun von ihren vielen erlittenen Verlusten langsam erholen, das braucht Zeit. Und sie liebt Peeta und lässt dies auch endlich zu, lässt die Zukunft zu (die nächste Generation). Was nichts mit Heimchen am Herd zu tun hat, sondern mit Neuanfang, Liebe und Zuversicht. Um so mehr als dass das(siehe Buch – keine Autoren! ) einige Jahre in Anspruch nimmt.

  • Nilz N Burger 8. 11. 2015 an 7:32

    Es stimmt, ich habe die Bücher nicht gelesen. Ich bewerte nur das, was ich sehe. Und das muss ja auch funktionieren, denn wie traurig wäre eine Verfilmung, die sich einem nur erschliessen würde, wenn man die Bücher gelesen hat. Da könnte man es gleich lassen.

    Und ich hab nichts gegen die Szenen, in denen Peeta wieder „nach Hause“ kommt, das ist alles so weit in Ordnung. Schlimm ist einfach diese allerletzte Szene, in der von der selbstbewussten Kämpferin nichts mehr übrig ist und suggeriert wird, dass sie nun endlich glücklich ist, wo sie „funktioniert“. Das ist, immer vorausgesetzt, dass man nur den Film kennt, schon ein groteskes Frauenbild. Im Kino war beim Premierenpublikum auch bei dieser Szene allgemeines Gelächter. Weil es in seiner Kitschigkeit kein Bisschen zum Rest des Filmes passte.

    • MM 29. 11. 2015 an 19:08

      Ich verstehe auch nicht, was an einer Katniss mit glücklicher Familie so schrecklich sein soll. Das eine Frau keine Familie haben muss, um glücklich zu sein, muss ja nicht bedeutet, dass es etwas schlechtes wäre, wenn sie mit ner Familie glücklich wäre.

      Vielleicht wäre es etwas besser, wenn sie in der Epilog-Szene ihrem Kind das jagen beibringt. So würde man sie auch mit glücklicher Familie zeigen, ohne sie angeblich kaputt zu machen.

  • franziska-t 19. 11. 2015 an 20:37

    Ich muss da auch etwas widersprechen. Was das Frauenbild angeht, kann der Film nicht so schlecht sein, da er im WHERE ARE THE WOMEN-Ranking (http://www.flickfilosopher.com/2015/11/women-2015-ranking.html) derzeit auf Platz 2 liegt. Zugegeben, das bewertet hauptsächlich nur das Auftauchen von weiblichen Figuren und nicht deren Motivation im Einzelnen. Trotzdem ist die Schlussszene grausig, allerdings habe ich als Frau das nicht als Aufruf zum fröhlichen Gebären verstanden, sondern einfach nur als kitschiges Ende, das keiner gebraucht hätte.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/11/19/the-hunger-games-mockingjay-part-2-2015/