Features Review

Arlo & Spot (Review)

3. 12. 2015, Batzman (Oliver Lysiak), 1 Kommentar
Originaltitel: The Good Dinosaur, USA 2015, Regie: Peter Sohn
  • Batzman
3

Kurzfassung

Der bestaussehenste aber inhaltlich schwächste Pixar-Film seit vielen Jahren. Für Kinder okay, für Erwachsene enttäuschend.

The Good Dinosaur ist vielleicht der optisch beeindruckteste Film von Pixar bisher. Seine fast photorealistischen Landschaften sind fantastisch, seine Panoramen ehrfurchterweckend. Und einige seiner Slapstick Szenen sind lustig und extrem süß.

Und für Kinder ist Arlo & Spot wahrscheinlich auch genau das richtige. Die Story eines vermenschlichten Dinosauriers, der sich mit einem verhündlichten Menschenkind anfreundet und den Weg nach Hause finden muss. Klassisches Roadmovie mit Westerneinschlag.

Leider ist das Worldbuilding fast so schlimm, wie das der Cars-Reihe und seine Geschichte in ihrer fehlenden Ambition wohl das enttäuschenste was Pixar bisher herausgebracht hat.

Natürlich, so sehr ich Pixar liebe, nicht jeder ihrer Filme ist ein Meisterwerk. Für jeden Oben, Toy Story 3 und Die Unglaublichen gab es mindestens einen Film der nur solide war. Aber die generelle Trefferquote ist schon verdammt hoch, gerade im Vergleich mit ihren Konkurrenten. Dazu kommt, dass Arlo und Spot das Unglück hat, im selben Jahr wie „Alles steht Kopf“ zu starten – der vielleicht der beste Pixar-Film überhaupt ist.

Und während Alles steht Kopf neue Maßstäbe setzte, was für Themen und Geschichten im Mainstream-Animationsfilm erzählt werden können, bleibt Arlo & Spot immer nur okay. Er wagt nichts was seine Geschichte angeht, er bedient sich langweiligster Klischees und er begnügt sich damit vermeintlich sichere, erprobten Szenen nachzustellen. Selten hat sich ein Film so ungeniert bei anderen Disney-Klassikern bedient.

Ganze Szenen wie eine Stampede, der Tod und die spätere Geistererscheinung des Vatersauriers wirken bei König der Löwen geklaut. Die bösen Flugsaurier erscheinen als Mischung aus den Dschungelbuch-Geiern und den Hyänen aus König der Löwen und dann ist da noch eine aus dem nichts kommende, psychedelische Sequenz – die irgendwo zwischen Dumbos rosa Elefanten und Fear and Loathing liegt.

Natürlich ist das alles wirklich großartig animiert und auch das Timing stimmt bei den witzigen Szenen, etwa wenn Arlo & Spot irgendwelche Nagetiere aus ihren Erdlöchern pusten. Hat man sich erstmal an den merkwürdigen Mix aus Cartoon Figuren plus Realumfeld gewöhnt, geht der Look durchaus in Ordnung. Es ist eher die fehlende Persönlichkeit der Figuren, als ihr Aussehen was problematisch ist. Besonders Arlos Familie scheint ein Platzhalter zu sein, mit der Aufschrift „Hier noch interessante Charaktere einfügen“.

Alle Wasser und Naturszenen gemahnen in ihrer überhöhten Bedrohlichkeit an die besten Zeichentrick-Szenen aus Fantasia, Pinocchio oder Schneewittchen. Doch so bedrohlich das auch ist, die Natur ist leider kein sehr charismatischer Antagonist. Und die gesamte Motivation des Films, wirkt sehr klischeebehaftet und rückwärts gewandt. Arlo ist ein Weichei, ein Schwächling, ein Träumer und Angsthase. Sein unfreiwilliger Trip in die Wildnis macht den Mann aus ihm, den sich sein Vater immer gewünscht hat. Seine größte Leistung ist, nicht zu sterben – was etwas ernüchternd wirkt, wenn wir wissen, dass die zu Anfang des Films mehrfach thematisierte drohende Hungersnot der vaterlosen Dinofamilie immer noch nicht überstanden ist. Wenn Arlo am Ende seinen Abdruck in der Welt hinterlässt, dann hat er weder dieses Problem gelöst noch ansonsten irgendetwas wirklich Hilfreiches gemacht. Er ist nicht gestorben und hat weniger Angst, aber dennoch wird seine Familie im Winter verhungern.

Aber er ist ja kein Weichei mehr. Und das muss als Charakterentwicklung reichen. Arlo ist ein Mann geworden, doch wirklich weiser wirkt er nicht. Verglichen mit Simba wirken Arlos Erlebnisse wie ein abenteuerlicher Ausflug, eine Ansammlung von mehr oder minder amüsanten Vignetten, die sich aber nie zu einem emotionalen großen Ganzen zusammenfügen wollen. Und auch die Entwicklung von Spot tritt auf der Stelle. Er ist ein Hund der aussieht wie ein Mensch. Er und Arlo haben eine sehr anrührende Szene, wo sie nonverbal über ihre toten Eltern reden und zueinander finden, aber nach dieser Szene passiert leider nicht viel mehr zwischen ihnen. Ihre Beziehung ist ausdefiniert und wenn Arlo seinen Spot zu einer fremden Menschenfamilie gibt, damit er unter seines gleichen lebt, dann erinnert er an das Ende tausender Disneyfilme in denen Jungen ihre adoptierten Wildtiere wieder in den Wald entlassen. Und doch wirkt es unverdient, weil das erlebte und die Konflikte nicht stark genug sind, um derartige Emotionen zu rechtfertigen.

Überhaupt: Warum ist Arlo ein Dinosaurier? Warum sind Menschen Hunde. Ja, es verkehrt die typische Erzählkonstellation – aber darüber hinaus wird aus der Prämisse leider so gar nichts gemacht.

Auch wenn es Jammern auf hohem Niveau bleibt und Arlo & Spot nie so runtergerendert wirkt wie die Ice Age-Sequels oder so kalkuliert wie Minions, er ist für erwachsene Animationsfans doch eine Enttäuschung. Das Regisseure ausgetauscht werden, wenn der Film Probleme hat ist bei Pixar keine Seltenheit, aber keinem Film (außer vielleicht Brave/Merida) hat man seine turbulente Produktionsgeschichte derart angesehen, keiner wirkte derart unhomogen was Tonalität und Struktur angeht.

Für Kinder vermutlich ein großer Spaß, Erwachsene gucken sich dann doch lieber nochmal Alles steht Kopf an.

  • franziska-t 4. 12. 2015 an 10:33

    Ja, das mit KÖNIG DER LÖWEN fiel mir auch auf. Da wurde echt einiges geklaut. Aber ich hatte ehrlich gesagt mit Schlimmerem gerechnet. ALLES STEHT KOPF war einfach eine Hausnummer, die man unmöglich toppen konnte (zumindest nicht mit zwei Pixarfilmen in einem Jahr). Ich habe mich in diese tolle Landschaft verliebt, hab geheult (immer gutes Zeichen!) und deshalb fiel meine Bewertung auch etwas besser aus.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2015/12/02/the-good-dinosaur-2015/

  • Die schlechtesten Filme 2015 - Die Fünf Filmfreunde 31. 12. 2015 an 17:47

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