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Auf ein Wort: Star Wars – Das Erwachen der Macht

18. 12. 2015, Mal Sehen (Malcolm Bunge), 7 Kommentare

Das hier ist kein Review.  Glaube ich. (Das hier ist ein Review). Ich weiß an dieser Stelle, während ich vor dem leeren Bildschirm sitze, nicht einmal, ob ich den Artikel raushaue, oder am Ende einfach lösche. Es wird eine lose, wahrscheinlich unzusammenhängende, Sammlung der Gedanken sein, die mir seit dem Film durch den Kopf gehen.

Yolo, der böse Zwillingsbruder von Yoda

Wie man an diesem Bild relativ gut sehen kann, habe ich mich ein wenig auf „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gefreut. Seit Monaten mache ich mich, gemeinsam mit befreundeten Fans der ersten Stunde, ganz verrückt. Wir haben anfangs jeden einzelnen Schnipsel inhaliert, analysiert und wieder und wieder angesehen. Dann kamen die Trailer. Und noch mehr Trailer. Und immer mehr Trailer. Fotos vom Set, Filme vom Set, noch mehr Trailer und als die Merchandisingmaschine auf vollen Touren lief, merkte ich, wie die Dunkle Seite ihre kalten Finger ausstreckte: Ich war von Star Wars genervt. Zum ersten Mal in meinem Leben.

Ich habe irgendwann aufgehört mir Trailer anzuschauen und habe versucht meine emotionale Überreiztheit in den Griff zu kriegen. Ähnlich wie Oliver schreibt, hat Star Wars mich schon früh geprägt und ich wollte es nicht verlieren:
„Das Finale der ersten Trilogie machte mich nicht nur zum – wie es damals hieß – „Krieg der Sterne-Fan“, es legte auch den Grundstein für meine Filmbesessenheit.“

Ich war nicht auf der Pressevorführung und ich war auch nicht auf dem roten Teppich am Zoo Palast, als unzählige prominente „Fans“ sich feiern ließen. Meine Freunde und ich hatten uns bewusst für die Vorstellung im IMAX am Potsdamer Platz entschieden, da dieses nur einer von sieben Kinos außerhalb der Staaten ist, das mit dieser komischen Lasertechnologie arbeitet. Es ist ein bisschen so, als würde man sich einen Film auf einen riesigen, hochauflösenden Fernseher anschauen. Das hat schon fast nichts mehr mit Kino zu tun. Das nur mal nebenbei.
(Ich werde übrigens nicht dafür bezahlt das zu schreiben)
Ein bisschen wehmütig war ich trotzdem, als ich nur eine Handvoll weiterer verkleideter Fans sah, die sich ebenso kindisch auf den Film zu freuen schienen, wie wir. Mich beschlich das Gefühl, dass hier größtenteils nur Mitläufer Karten gekauft hatten und keine echten Fans. Zum ersten Mal dachte ich: „Ihr Schweine! Ich fand das ganze hier schon cool, als ihr mich ausgelacht habt, weil ich Star Wars auf inzwischen ausgeleierten VHS Kassetten geschaut habe, während ihr eure ersten Zigaretten geraucht habt!“

Es ist aber nicht fair so zu denken. Wenn man sich überlegt wie die Massen gerade gehirnwäschenartig mit Star Wars Content zugeballert werden, dann grenzt es an ein Wunder, dass es noch keine Toten beim Ticketverkauf gab. Disney hat ganze Arbeit geleistet.
Als der Film endlich anfing, tat mein Gesicht weh, weil ich so hart grinsen musste. Das Grinsen hielt die ganze erste Stunde an und wich einem gütigen Lächeln. Zwischendurch verfiel ich in Sekundenschlaf, weil ich vor lauter Aufregung die Nacht zuvor nicht schlafen konnte. Macht nichts, ich weiß ja, dass ich den Film noch 1-2 Mal im Kino anschauen werde. Viel wichtiger war es beim ersten möglichen Termin mit meinen Freunden im Film zu sitzen und es hinterher sacken zu lassen, um dann die großen Diskussionen zu starten, die ganz sicher kommen sollten.

Der Film endete mit einer überflüssig langen Szene, die vermutlich bei Fanboys „WHOAAAA!“ und „WHOOOOO!“ und „JAAAA!“ auslösen sollte. Dass es ausgereicht hätte die Szene zu halbieren, weil jeder „kapiert“ haben musste was man da sah, tat dem Gefühl kein Abbruch: Wir haben gerade etwas Großes gesehen.

Schon nach dem Film gingen die Meinungen auseinander und nun komme ich endlich zur Sache:
War das wirklich ein Star Wars Film?

Ich bin beileibe nicht der größte Fan unserer Runde gewesen. Mein lieber Freund Chris hat sich ein Anakin Episode III Kostüm aus dem gleichen Material schneidern lassen, wie Lucas es tat, um es in dieselbe Färberei zu schicken, damit das Material dieselbe Farbe hat. Zur Vorstellung kam er als „Böser Ani“ und er arbeitet gerade fleißig an dem besten Darth Vader Kostüm, das ihr je gesehen habt. Er kennt sich mit Star Wars so gut aus, wie kein anderer den ich kenne. Deswegen war die Enttäuschung in seinem Gesicht sehr hart anzuschauen. Vielleicht ist „Enttäuschung“ auch nicht das richtige Wort, sondern eher eine leichte Traurigkeit.
Chris hatte vorher schon geahnt, was sich während des Films bestätigte: „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ ist der perfekte Marketingfilm. Es ist ein bisschen so, als hätte man einen Drehbuchautor, einen Regiesseur, einen Produzenten, einen Star Wars Fan und fünf Marketingexperten mit Mickey Mouse Mützen in einen Raum gesperrt, um Episode VII zu planen. Herausgekommen ist ein Film, der erfolgreicher sein wird, als Avatar und der weniger Menschen enttäuschen wird, als irgendein Film zuvor. Und genau hier gehen wir auseinander.

Was Chris als Makel empfindet, sehe ich als Chance. Er ist jünger als ich und obwohl ich ihn ohne zu zucken als den größeren Fan sehe, kann ich mich noch daran erinnern wie „Die Rückkehr der Jedi Ritter“ in die Kinos kam und wie ich zum ersten Mal richtige Fans erlebte. Dasselbe wird Episode VII tun, nur auf höherem Niveau. „Das Erwachen der Macht“ wird eine neue Generation Star Wars Fans züchten, die noch enthusiastischer sein werden, als Chris und ich zusammen. Mit der neuen Runde und den anstehenden Spin Offs wird eine Maschine in Gang gesetzt, die so groß ist, dass wir Alt-Fans kaum noch zu sehen sein werden. Es ist ein komisches Gefühl Teil einer immer größer werdenden Masse zu sein, aber ich bin inzwischen aus dem Alter raus, in dem ich Bands uncool fand, sobald sie erfolgreich wurden.

Eine weitere Sache, die uns aufgefallen ist, aber bei der Chris und meine Meinung auseinandergehen: Die offenen Fragen. Es gibt jede Menge davon (dazu schreibe ich ein anderes Mal etwas), aber während Chris immer mehr Fragen auffallen, denke ich mir: „Ja, ist doof. Aber offene Fragen sind ein Markenzeichen von Star Wars!“. Ich meine: Bin ich der Einzige dem die großen zeitlichen Lücken zwischen den Handlungssträngen auf die Nerven gegangen ist, weil man dann die Zusammenfassung der Ereignisse bestenfalls im rollenden Text am Anfang der Filme aufholen musste? Die Lücken in den Geschichten und die plötzlichen Erkenntnisse, die gehören dazu und machen gerade den Charme aus.

Aller Euphorie zum Trotz nagt etwas an mir, dem Alt-Fan. Es ist ein unbestimmbares Gefühl, das ich kaum beschreiben kann, aber über das ich vielleicht mehr weiß, wenn ich Episode VII noch 1-2 Mal gesehen habe. Ich werde sicherlich ein Update zu diesem Artikel schreiben, wenn ich darauf komme was es ist. Es hat vielleicht damit zu tun, dass „Das Erwachen der Macht“ ein wenig so ist, als würde man einen alten Freund nach Jahren wieder sehen. Darin sind Chris und ich uns einig. Während es ihn stört, dass man nicht erfährt was der Freund in den letzten 30 Jahren gemacht hat, fällt mir erstmal auf wie gut er aussieht, obwohl ihm graue Haare gewachsen sind, seit unserer gemeinsamen Punk Zeit. Inzwischen ist er Marketingchef bei Disney, aber das ist schon ok. Ich freue mich für ihn. Wir feiern ein wenig, versprechen uns gegenseitig anzurufen und wenn er das nächste Mal in der Stadt ist, werden wir ganz sicher wieder um die Häuser ziehen. Es wird aber nie wieder so sein, wie früher.

Das ist aber schon ok.

  • Maik 18. 12. 2015 an 15:39

    Schöne Zusammenfassung, gut, dass du sie doch veröffentlicht hast. ;)
    Kann da viele Gefühle teilen und verstehen. Am Ende steht für mich aber ein hochunterhtaltsamer Film, der nicht diesen Hau-Drauf-Humor á la Avengers & Co. hat, dennoch aber sowohl alte Fans als auch neue abholen kann. Ja, ein bisschen eierlegende Wollmilchsau, der die Kanten fehlen, aber so ist das dann wohl mit dem gemeinsamen Nenner.

    Bei der finalen Szene hatte ich mir danach auch Wege vorgestellt, wie das deutlich cooler und schneller hätte vonstatten gehen können. Der Shot die ganze Zeit auf Person A, die mit Mimik und Reaktion spielt, ehe nur eine bestimmte Hand ins Bild greift – Titelmusik und Abspann!

  • Dave 18. 12. 2015 an 16:29

    Kleine Sidenote: Wenn du den Film in 3D gesehen hast, war das nur hochskaliertes 2K-Material. Es gibt noch keine native 4K-3D-Projektion, auch nicht im IMAX.

    • Malcolm Bunge 18. 12. 2015 an 16:32

      Hey Dave,
      danke für den Hinweis! Berichtige ich gleich mal.

  • Yoda 18. 12. 2015 an 18:21

    Kann ich als ebenfalls Fan der ersten Stunde alles irgendwie nachvollziehen…

    …bis auf…

    …diese „als-Star-Wars-Fan-war-ich-mal-Underdog-und-jetzt-springen-alle-auf-den-Zug-auf“-Attitüde, die da mehr oder weniger subtil zum Ausdruck kommt (auch, wenn du ausdrücklich schreibst, dass dich das gar nicht stört, scheint’s ja doch dein Eindruck zu sein – eben noch Nerd, jetzt Teil des Mainstreams: „Es ist ein komisches Gefühl Teil einer immer größer werdenden Masse zu sein, aber ich bin inzwischen aus dem Alter raus, in dem ich Bands uncool fand, sobald sie erfolgreich wurden.“

    Das lässt mich dann doch staunen: Es ist doch mal schlichtweg einfach nichts „mainstreamigeres“ respektive von der ersten Stunde an erfolgreicheres denkbar, als die Star Wars-Reihe. Schon der erste Teil war in der 70ern (und bis er vom weißen Hai abgelöst wurde) aus dem Stand der bis dato Umsatzstärkste der Kinogeschichte. So gut wie alles daran ist ikonografisch, selbst meine Oma würde wahrscheinlich die Titelmelodie der Filmreihe zuordnen können – und auch, wer nie einen Film gesehen hat, kennt hundert Zitate. Das Ding ist die filmgewordene Bibel der Neuzeit (auch, wer die nie gelesen hat, kennt hundert Zitate). Wenn man sich also irgendeine Art von punkähnlicher Vergangenheit andichten darf, weil man durch den Zufall der Geburt schon sehr früh (mit so gut wie allen anderen) auf Star Wars stand, dann sind Helene-Fischer-Fans die Outlaws des neuen Jahrtausends – und wer „Avatar“ mochte, kann sich in dreißig Jahren einer schrägen Querdenker-Jugend rühmen.

    Versteh‘ mich nicht falsch, das klingt alles wirklich sehr sympathisch und sicher geht nicht jeder soweit, sich eine Yodamaske überzuziehen und jeden Trailer sekundengenau zu analysieren. Aber so wie dich die angeblich „unechten“ Fans kurz mal nerven („Ihr Schweine“) – nervt mich inzwischen der ewige Versuch der „Nerds“ (will ja heute jeder sein), zwanghaft irgendeine Art von Außenseitertum aus dem Umstand abzuleiten, auf eines der größten Massenphänomene der Menschheitsgeschichte abzufahren.

    Denn sagenhafter Blödsinn das ist.

    • Malcolm Bunge 18. 12. 2015 an 18:58

      Hey Yoda!

      Der Teil gefällt mir besonders gut:
      Aber so wie dich die angeblich “unechten” Fans kurz mal nerven (“Ihr Schweine”) – nervt mich inzwischen der ewige Versuch der “Nerds” (will ja heute jeder sein), zwanghaft irgendeine Art von Außenseitertum aus dem Umstand abzuleiten, auf eines der größten Massenphänomene der Menschheitsgeschichte abzufahren.
      Denn sagenhafter Blödsinn das ist.

      Das trifft es ziemlich auf den Punkt. Aus zwei Gründen:
      1. „Nerd“ sein ist heutzutage cool. Oder wenigstens so tun als ob. Nervt enorm und führt doch zu nichts!
      2. Auf der anderen Seite sich abgrenzen wollen und darauf zu bestehen Nerd der ersten Stunde zu sein, ist gerade im Fall von Star Wars vergebens. Zu der Erkenntnis bin ich tatsächlich erst sehr sehr spät gekommen. Ich glaube dieser Zwang sich dann noch als Außenseite hinzustellen ist der Versuch die Welt davon zu überzeugen, dass man kein Mitläufer ist, sondern genau weiß wovon man redet. Es dauert aber manchmal länger, bis man zu Erkenntnis kommt, dass es nicht darauf ankommt was andere über einen denken, sondern nur auf darauf Spaß zu haben und alles nicht so ernst zu nehmen.

  • BL 18. 12. 2015 an 18:30

    Ich bin in den Siebzigern aufgewachsen und habe mich damals als siebenjähriger Captain-Future-Fan gefragt, warum sich alle Leute um mich herum diesen Western mit den Klamaukrobotern anschauen, in dem alle Gefühle und Bedeutungen auf dem Reißbrett konstruiert waren. Star Wars war für Menschen, die wie ich keine Minute am Stück davor ertragen, aber auch nie aufdringlich wie etwa der ganze Superheldenquatsch, der heute das Kino verstopft.

    Von meiner Warte aus ist es gar nicht verwunderlich, daß Star Wars jetzt noch einmal groß einschlägt, wo es doch immer schon mit Übersinnlichen und Unverdientem arbeitete, das inzwischen das gesamte Unterhaltungskino in Beschlag genommen hat.

    Witzigerweise war ich jetzt von den Trailers nicht unangetan. Das liegt wohl daran, daß dieser lächerliche Todesstern endlich weg ist und keine intergalaktische Ministerpräsidentin bei einer Ratsversammlung ein Plädoyer gegen die böse Bedrohung hielt. Ich hätte ihn mir um ein Haar angesehen, wenn dieses Pelzmonster nicht wieder dabei wäre.

  • Auf noch ein Wort: Star Wars - Das Erwachen der Macht - Die Fünf Filmfreunde 18. 12. 2015 an 19:46

    […] Batz Review und Malcolms Gefühls-Review, habe ich das Gefühl, auch noch meinen Senf dazu loslassen zu müssen, denn ich hab den Film bis […]

  • Pupsi 18. 12. 2015 an 23:12

    „Es wird aber nie wieder so sein, wie früher.“

    Das ist die Zeit, der Hurensohn. Geschichten verändern sich nicht wir aber schon.
    Und wenn man aus Ehrfurcht mit 14 vor der Maske eines Darth Vader erstarrte dann kann die in 30 Jahren zwar immer noch geil sein. Aber eben nicht mehr so wie früher.

    Das was Star Wars groß macht ist aber das die 30 Jahre alte Darth Vader Maske wenn man sie kleinen Kindern zeigt immer
    noch eine Fazination ausübt. Oder das Lichtschwert mit seinem Sound….
    Das ist glaube ich so wie in der klassichen Musik. Da weden Stücke interpritiert und aufgeführt. Nicht einfach Note für Note
    herunter gespielt auch wenn es ein Genie wie Mozart war der dieses Stück schrieb.

    Epsiode 1-3 war ein Spiel einfach nach Noten. Seelenlos herunter geschrammt.
    Malen nach Zahlen.
    War beim Hobbit im Vergleich zum HDR genau so.
    Aber egal wie, am Hurensohn kommt man letztlich eh nicht vorbei.